Renaissance des Feminismus?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 24.02.2010

2008 wurde die «Feministische Zeitschrift der Schweiz» eingestellt, der logische Endpunkt einer Entwicklung, während der Begriffe wie Emanzipation und Feminismus zu Unwörtern mutierten und als extrem uncool galten. Kürzlich aber verkündete meine 13-jährige Tochter, sie sei Feministin und emanzipiert. In meiner Jugend war «Emanze» das schlimmste Schimpfwort, das einem an den Kopf geworfen werden konnte. Was ist passiert? Keimt eine Renaissance des Feminismus auf?

Wenn ja, warum gerade jetzt? A. S.

Liebe Frau S.

Was wiedergeboren wird, muss zuvor gestorben sein. Aber war der Feminismus jemals tot? Gerade dann, wenn soziale Bewegungen verhältnismässig erfolgreich sind (was man vom Feminismus gewiss, Göttin sei Dank, sagen kann), werden sie auch selber kritisierbar. Dazu gehört, dass man die Heterogenität der eigenen Gruppe ins Auge fassen kann, ohne damit schon unsolidarisch zu werden. Es ist kein Indiz eines Backlashs, wenn eine heutige 25-jährige Doktorandin sich nicht mehr unbedingt an altbackenen Protestformen wie zornigem Topfdeckelklappern vor dem Bundeshaus beteiligen will, nachdem sie gesehen hat, wie einfach das Problem der Doppelbelastung durch Haushalt und Arbeit mithilfe von Spülmaschinen, Takeaways und einem guten WG-Putz- und Einkaufsplan zu lösen ist. Solche Abgrenzungen sind nicht bedauerlich, sondern Teil einer unumgänglichen Erneuerung, zu welcher eben auch gehört, dass diese Bewegungen sich immer wieder selbst neu begründen müssen, wenn sie nicht zu einer Karikatur ihrer selbst werden wollen. Wichtigen Fragen – wie die «soziale Frage» (nach sozialer Gerechtigkeit) oder die «Frauenfrage» (nach den Möglichkeiten der Befreiung aus männlicher Vorherrschaft) – müssen nicht ein für allemal richtig beantwortet, sondern vor allem immer wieder neu gestellt werden. Politik – ich sags immer wieder und gerne auch an dieser Stelle noch einmal – ist kein weltlicher Ersatz für Glaubensbekenntnisse, sondern das Äquivalent zu dem, was in der Wissenschaft Experiment oder experimentelles Denken heisst. Das gilt auch für den Feminismus: Man muss neue Versuchsanordnungen ausprobieren und schauen, was sie Neues hervorbringen.

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. Kurze Fragen haben eine bessere Chance, beantwortet zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2010, 15:15 Uhr

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