Sind Experten prinzipiell schwer beschäftigt?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 18.11.2009
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Es fällt mir auf, dass im Fernsehen, wenn eine mehr oder weniger wichtige Persönlichkeit zu einer Frage Auskunft geben muss, sie immer von irgendwoher zur Kamera schreitet! Was will man uns damit suggerieren? Wäre es zu langweilig, wenn sie still vor der Kamera stünde? Oder zeigt man uns damit, dass diese Personen so beschäftigt und wichtig sind, dass sie von ihrer Arbeit zum Interview herbeieilen müssen? D. H.
Liebe Frau D. Radio, so heisst es, dürfe nicht wie eine vertonte Zeitung daherkommen und das Fernsehen nicht als verfilmtes Radio. Was bei der Zeitung die Furcht vor der Bleiwüste, ist beim Radio die Angst vor der Wortlastigkeit und beim Fernsehen die Panik vor dem blossen Sprechen. Darum gibts in der Zeitung Bildli, wird beim Radio noch der kleinste Wortbeitrag zum Feature aufgemotzt und muss beim TV jeder Auftritt eines Talking Head in ein Miniatur-Fernsehspiel verwandelt werden.
Das geht dann so: Bevor Herr XY, Professor an der Universität Z – wie uns später ein Untertitel informieren wird –, sagen darf, dass er für härtere Strafen für gewalttätige Jugendliche eintritt, muss zunächst erklärt werden, wie Herr XY zu seiner Aussage kommt, und was ihn dazu legitimiert. Nachdem dem Zuschauer durch ein paar kunstvoll verwackelte Aufnahmen plausibel gemacht wurde, dass unsere Jugend immer gewalttätiger wird, betritt Herr XY die Szenerie. Bevor er das Wort ergreift, nimmt er, so will es die Regie, ein Buch (das Strafgesetz?) aus einem Regal und blättert es auf der Suche nach einem passenden Paragrafen durch, greift sodann zu einer Akte (der konkrete Fall?), in der er mit gelbem Marker markig ein paar Zeilen markiert – Schnitt –, und darf nun seinen Text aufsagen. Letzterer sollte aber den Umfang von drei einfach gebauten Sätzen tunlichst nicht überschreiten. Siebzig Sekunden, dann ist der beeindruckende Spuk vorbei.
Natürlich hätte man auch eine Sprecherin vor neutralem Studiohintergrund während zehn Sekunden sagen lassen können, der Strafrechtsprofessor XY glaube, dass unsere Jugend immer brutaler werde, und votiere deshalb für eine härtere Bestrafung. Aber bekanntlich (McLuhan!) ist nicht die Message die Botschaft, sondern das Medium. Sonst könnte ja jeder kommen und irgendwas behaupten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.11.2009, 09:05 Uhr





