Soll ich meine Krankheiten googeln?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 30.12.2009
Stichworte
Forscht man im Internet nach Krankheiten, wähnt man sich meist nach kürzester Zeit in der Hölle. Ignorante Ärzte und verpfuschte Leben, schlimme Krankheitsverläufe und schreckliche Spätfolgen. Dennoch (oder gerade deswegen) möchte ich mich profund informieren und meine Entscheidungen hinsichtlich einer Therapie breit abstützen, z. B. wenn es um schwerere Krankheiten meiner Kinder geht. Der Besuch im Internet hat mir schon wichtige Hinweise gegeben und mir gleichzeitig sämtliche Lebensfreude und Kraft geraubt. Was tun? P. B.
Liebe Frau B.
Vor allem sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Bei aller verständlichen Klage über die Informationsflut, in der man zu ertrinken droht, können wir uns vernünftigerweise schliesslich auch nicht die Zeiten zurückwünschen, da der alljährlich erscheinende Bauernkalender und die Bibel die einzigen Informationsquellen in einem Haushalt waren. Es hilft also nichts: Augen auf und durch. Nur so kann man mit der Zeit (in der Regel recht schnell) ein Gespür dafür entwickeln, ob auf einer Website gesundheitspolitische Verschwörungstheorien verbreitet werden, ob Sie auf den virtuellen Lieblingstummelplatz sektiererischer Impfgegner geraten sind oder ob die Hinweise, die Ihnen ein Selbsthilfeforum oder ein PatientenBlog bietet, für Sie nützlich sein können. Das Internet ist ein Medium, das es einem ermöglicht, mit ein paar Mausklicks Informationen auf Plausibilität zu überprüfen. Nichts verkörpert besser als das Internet die Einsicht, dass es Wahrheit nicht als göttliche Offenbarung gibt, sondern allenfalls als Netz von Fakten, Relativierungen von Fakten, Meinungen, Gegenmeinungen und ganz anderen Meinungen, von Nachrichten und noch mehr Nachrichten, von Kommentaren und Kommentaren zu Kommentaren. Was man im Internet lernen kann, ist gesundes Misstrauen und eine Aversion gegen ungesunde Paranoia, und zwar nicht nur in Gesundheitsangelegenheiten.
Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Fragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.12.2009, 08:41 Uhr




