Utilitaristen

Aktualisiert am 10.03.2010

In einem Interview mit dem Philosophen Peter Singer geht es darum, ob ein Mann seinen Bugatti für ein Kinderleben opfern soll. Ja natürlich, meint Singer. Der Mann könnte ihn aber verkaufen, um mit dem Geld vielleicht zehn Kinderleben zu retten. Was ist hier falsch? C. M.

Liebe Frau M. Rein gar nichts, und darum ist alles auch so schief. Die bizarren Szenarien, welche zeitgenössische Utilitaristen vom Schlage Singers zur Klärung moralischer Probleme konstruieren (das Kind auf den Schienen, das ich nur retten kann, indem ich meinen teuren Oldtimer dazu benutze, den herannahenden Zug auf ein anderes Gleis umzulenken), erinnern an die Grübeleien, mit denen sich Zwangsneurotiker herumschlagen: Wenn ich diesen Stein nicht von der Strasse wegräume, könnte jemandem etwas Schlimmes zustossen. Habe ich ihn nun aber entfernt, fällt mir ein, dass der Stein dort, wo ich ihn hingelegt habe, sogar noch etwas weit Ärgeres anrichten könnte . . . Oder: Wäre es möglicherweise besser, das Kind würde vom Zug überfahren? Dann wären die SBB gezwungen, den Bahnübergang besser abzusichern, und das Opfer eines Kindes würde tausend andere Leben retten? Solche Gedankenspiele lassen sich endlos weiterführen. Sie zeigen, wie Rationalität selber pathologisch werden kann.

Zwangsvorstellungen wirken wie die Karikatur eines rein rationalen Kalküls (und legen so einen sonst verborgenen Zug desselben bloss). Der Zwangsneurotiker selbst wirkt wie eine Parodie eines Homo oeconomicus, der stets vernünftig entscheiden will und darüber handlungsunfähig wird.

Freud sieht in der Entscheidungsunfähigkeit des Zwanghaften das Werk eines inneren Konflikts, eines Kampfs zwischen Liebe und Hass. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass es in den Gedankenspielen der Utilitaristen mit Vorliebe um Leben und Tod geht und dass der Veganer, Tierrechtsaktivist und Kinderretter Singer zugleich für die Leidminimierung durch Tötung schwerstbehinderter Säuglinge plädiert. Was so schräg an diesen Dr. Strangeloves der Ethik ist? Dass sie sich der verallgemeinernden Vernunft bedienen, wie ein Alkoholiker die Flasche benutzt, um die Ambivalenzen des Lebens ein für allemal darin zu ertränken.

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. Kurze Fragen haben grössere Chancen, berücksichtigt zu werden.

Erstellt: 10.03.2010, 12:11 Uhr

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