Vorbilder und Ansprüche

Aktualisiert am 03.03.2010

Warum reagieren wir anders, wenn die Ehe einer Paartherapeutin scheitert oder Bischöfe betrunken Auto fahren, als wenn es sich um Geschäftsleute handelt? Ist der höhere Anspruch an Therapeuten und Geistliche berechtigt? S. S.

Liebe Frau S. Wer öffentlich predigt, muss sich selber an den gepredigten Ansprüchen messen lassen. Wenn also ein erzreaktionärer bekennender Schwulenfresser mit einem Stricher auf dem Bahnhofsklo erwischt wird, dann ist das ein Grund zur Häme – wenngleich niemanden eine solche Enthüllung sonderlich überraschen dürfte. Von einer Paartherapeutin hingegen kann man nicht erwarten, dass auch sie selbst eine vorbildliche Ehe führt. Eine eigene unglückliche Ehe spricht keineswegs gegen ihre Fähigkeiten als Therapeutin, sondern nur gegen die Illusion der Therapierbarkeit von allen und allem.

Anders sähe die Sache natürlich aus, wenn sie ihre berufliche Reputation ausgerechnet einem Bestseller mit dem Titel «Eheglück? Ein Kinderspiel!» verdankt. Ein kettenrauchender Arzt gibt zwar kein gutes Vorbild für seine Patienten ab, aber seine Hinweise auf die Schädlichkeit des Rauchens werden durch das eigene Verhalten keineswegs ad absurdum geführt. Und ein neurotischer Psychoanalytiker ist keine personifizierte Widerlegung der freudschen Theorie, sondern deren schönste Bestätigung.

Kommen wir zur besoffenen Bischöfin. In einem früheren Interview hat Margot Kässmann gesagt: «Frauen gehen einfach ganz anders mit Autos um: Es muss fahren. (. . .) Der Mann weiss immer, wie viel PS sein Fahrzeug hat. (. . .) Manche Leute fahren, als hätten sie überhaupt nicht im Blick, wie lebenszerstörend ein Auto wirken kann. (. . .) Es gibt zum Teil schon ein mangelndes Verantwortungsbewusstsein, insbesondere wenn Alkohol oder Drogen mit im Spiel sind. (. . .) Das kann ich nicht nachvollziehen.» Jetzt kann sie. Und hat erfahren, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen – wenn sie schon nicht wissen wollen, wie viel PS ihr Auto hat – sich doch dafür interessieren sollten, wie viele Promille Alkohol sie selbst intus haben. Kässmann hat – völlig nüchtern – zu Afghanistan und zur Frage, ob der Krieg der Alliierten gegen Deutschland ein gerechter Krieg war, einige Dummheiten von sich gegeben. Das hat ihr heftige und legitime Kritik eingetragen. Für ihren Suff am Steuer wird sie bestraft. Zu zusätzlicher Häme besteht kein Anlass.

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. Kurze Fragen haben eine bessere Chance, beantwortet zu werden.

Erstellt: 03.03.2010, 13:59 Uhr

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