Warum nur schunkeln die Leute wie auf Kommando?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 04.11.2009
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Warum schunkelt der nüchternste Mensch, steigt auf die Festbank, singt und klatscht, sobald eine Schlagerband in der Festhütte das Kommando dazu gibt? Wie funktioniert dieser Hemmungs-Entriegler? Und: Schadet das irgendwem, solange es nicht in Aggression umschlägt? M. G.
Liebe Frau G.
Ihre ersten beiden Fragen lassen sich wie die sprichwörtlichen Fliegen mit einer Klappe beantworten. Was den Einzelnen zum Mitschunkeln, -singen und -klatschen bewegt und ihn in der Masse enthemmt, ist gewiss nicht die willige Unterwerfung unter die im Grunde faschistoide Autorität der Kastelruther Spatzen, Andelfinger Lerchen oder wie dergleichen Musikbands sich zu nennen pflegen. Sie und ich jodeln auch nicht etwa deshalb mit, weil dies unserem «wahren Ich» entspräche, welches wir in unserem Alltag leider (oder Gott sei Dank) unter einer Fassade vernünftiger Aufgeklärtheit und kultiviertem Individualismus verbergen müssen. Es handelt sich bei dieser Form der Enthemmung vielmehr gerade um eine Befreiung von diesem «wahren» Ich: um eine «Lust an der unwahren Fassade». Es ist eine diebische Freude an der Nicht-Identität mit uns selber, die Gaudi, nicht «man selber» sein zu müssen, die uns so wundervoll blödtun lässt. – Und nun zu Ihrer letzten Frage: Nein, mir sind aus meiner eigenen langfädigen Praxis keine schädlichen Spätfolgen des Mitschunkelns bekannt. Was natürlich nicht bedeutet, dass die WHO oder das BAG in naher oder näherer Zukunft nicht doch noch welche aufspüren wird. In diesem Falle werde ich Sie selbstverständlich unverzüglich benachrichtigen, sodass Sie sich von einer Fachperson Ihrer Wahl notfallpsychologisch betreuen lassen können. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.11.2009, 11:12 Uhr





