Warum quält man alte Menschen?
Die Vorfälle im Pflegeheim Entlisberg haben mich ungemein schockiert. Wie kann es dazu kommen, dass man zum eigenen Amüsement alte Menschen demütigt und diese Quälereien auch noch mit dem Handy dokumentiert? A. F.
Lieber Herr F.
Warum ist es geil, Schwächere und Hilflose zu quälen? Obdachlose mit Benzin zu übergiessen und sie anzuzünden? Drogenprostituierte zu foltern? Nichts garantiert einen grösseren Kick als das Brechen starker Tabus. Grausamkeit ist ein nicht zu unterschätzendes sexuelles Stimulans. Vor der Ausübung solcher Grausamkeiten schützen uns in der Regel starke Reaktionsbildungen und die Fähigkeit zur Empathie, welche auf der gefühlten Einsicht beruht, dass der andere einer ist wie ich. Doch solche Einfühlung, mit der ich am anderen mich selbst erkenne, lässt mich auch Dinge sehen, die ich lieber nicht sehen möchte.
Wenn man jederzeit erklären kann, «Bevor ich Alzheimer kriege, gehe ich zu Dignitas», ohne auf entschiedenen Widerspruch zu stossen, dann sind alle pflegebedürftigen Dementen in erster Linie lästige Gestalten, die den richtigen Zeitpunkt verpasst haben. Statt Mitleid erregen sie Hass. Die Videos, die man von den nackten, zum Tänzchen aufgeforderten Alten unter der Dusche dreht, dienen nicht zuletzt dazu, sich und den Mitwissern zu versichern: So will ich nicht enden. Man kann den Anblick des Verfalls und des Elends nur ertragen, wenn man ihn in eine Freakshow verwandelt. So wie der Exit-Monatsbeitrag eine Art «vorgezogene Entsorgungsgebühr» darstellt, sind diese Quälereien vorgezogener Selbsthass, abgewehrt im sadistischen Genuss, die hilflosen anderen «vorzuführen»: Hass auf die eigene Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit, der man Gottlob entwachsen ist, zu der man aber - man darf gar nicht daran denken - mit einiger Wahrscheinlichkeit zurückkehren wird. (Wenn man die eigene Körperbehaarung an den falschen Stellen mit einer Inbrunst auszurotten trachtet, wie der Kammerjäger Ungeziefer, wie soll man da einen alten Menschen in Windeln ertragen können? - Keine Angst, das ist kein Plädoyer für ästhetische Verwahrlosung.)
Unterhaltungssendungen wie Pannen-Shows, bei denen Eltern Videos ihrer Dreijährigen einschicken, die auf spektakuläre Weise von der Schaukel gefallen sind und nun perplex heulend in die Kamera schauen; Talk-Runden, in denen die Unterschicht sich so entmenscht aufführen darf, wie man immer schon wusste, dass sie es ihrem Wesen nach ist; Abspeck-Dokus, in denen den Fettklössen, die man schon als Kind gerne geplagt hat, gezeigt wird, wo der Fitnesstrainer hockt - all diese Formate der feierabendlichen Zerstreuung sind Einübungen in Mitleidslosigkeit. Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich halte das Fernsehen nicht für die Ursache des Übels. Sondern ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass die Zersetzung des Mitgefühls in Gaudi und munteres Feixen kein so singuläres Phänomen ist, wie man hoffen möchte.
Fragen an: leben@tages-anzeiger.ch
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.03.2009, 08:55 Uhr
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