Warum siegt das Negative?

Man kann zehn wunderbare Erlebnisse gehabt haben, und einem schlechten gelingt es, dass man nur noch daran denkt und alles Gute vergisst. Weshalb messen wir dem Negativen so viel Bedeutung bei, dass es das Positive zu verdrängen oder übertrumpfen vermag? A. F.

Liebe Frau F.

Weil wir uns wünschen, dass im Grunde alle Menschen edel und hilfreich sind und das Leben rundum schön und gut ist. Zugleich wissen wir natürlich, dass die bittere Wirklichkeit von unserem süssen Wunschbild ziemlich abweicht. Wir vollziehen das, was Freud eine «IchSpaltung im Abwehrvorgang» nennt: Wir wissen, dass es üble Dinge auf der Welt gibt, aber wir weigern uns, es auch zu glauben. Wir verhalten uns also so, als sei das Gute die Norm, das Schlechte die Abweichung. Nicht, dass schöne Erlebnisse unsere Lebensfreude nicht steigerten, aber schlechte Erfahrungen stören sie weit mehr, als gute sie befördern. Das Ausmass unserer Missstimmung angesichts des Bösen entspricht der Grösse unseres Protests gegen die reale Welt: Was nicht sein darf, sollte doch eigentlich überhaupt nicht sein können! Paradoxerweise messen wir dem Negativen also gerade deshalb grössere Bedeutung zu, weil wir es im Grunde unseres Herzens nicht anerkennen wollen.

Papi heiraten?

Meine vierjährige Tochter liebt Rollenspiele. Neuerdings ist das Heiraten Thema: «Also du wärst der Prinz und ich die Prinzessin ...» Einwände, der Papa sei ja schon mit Mama verheiratet, gelten selbstverständlich nicht. Soll ich mitspielen? D.H.

Lieber Herr H.

Instinktiv hätte ich gesagt: Sooooo herzig! Und: Na klar, machen Sie der Kleinen doch die Freude. Vorsichtshalber und aus Erwägungen der Zwangsehen-Prävention (welche bekanntlich bereits im Vorschulalter beginnen muss) möchte ich indessen anfügen: . . . jedoch nur, wenn alle drei Beteiligten einverstanden sind und es zwischen Ihnen kein Machtgefälle gibt. Möglich wäre natürlich auch: Sie sagen es der Mama erst gar nicht. Die Spätfolgen solchen Tuns entnehmen Sie dann bitte der entsprechenden Broschüre des Bundesamts für Gesundheit. Kapitel: «Gute Geheimnisse/ böse Geheimnisse». Alle Warnleuchten sollten ausserdem bei Ihnen zu blinken beginnen, wenn Ihre Tochter darauf besteht, zur Hochzeit einen Ganzkörperschleier zu tragen. (Und so bewahrheitet sich, in diesem Fall geradezu unerwartet, doch wieder der gute alte 68er-Kuschelpädagogik-Slogan, dass das Private ziemlich politisch ist.)

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2010, 09:02 Uhr

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