Was hat Fussball dem Synchronschwimmen voraus?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 14.07.2010

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Warum begeistern sich an der WM plötzlich so viele Menschen für Fussball? Und wieso geschieht das nicht bei den Weltmeisterschaften im Synchronschwimmen? M. E.

Ob ich der Richtige bin, diese Frage zu beantworten? Von mir aus nämlich könnten Fussball-Weltmeisterschaften auch nur alle 16 Jahre stattfinden. Was nicht bedeutet, dass ich zu den unangenehmen Gesellen gehöre, welche die Stimmung beim gemeinsamen Fussballschauen durch ostentativ-naiv-kenntnislose Fragen so gut es geht zu stören versuchen. Aber ich könnte auch ohne leben. Wenn ich allerdings die Wahl zwischen 22 Männern und einem Ball oder einem Dutzend unverdrossen lächelnder Badenixen mit je einem Klüpli auf der Nase hätte, würde auch ich, ohne zu zögern, den Fussballmatch wählen. Warum? Weil Fussball spannender ist als alle anderen Sportarten, die man durch reines Zuschauen betreiben kann.

Spannender als Tennis, als Golf, als Handball und spannender auch als der besonders bei älteren Herren sehr beliebte Beachvolleyball der Damen. Gewiss ist das eine sehr subjektive Einschätzung, freilich eine, die ich mit zig Millionen anderer Menschen weltweit teile. Offenkundig hat Fussball etwas an sich, das selbst den Uninteressierten in Bann ziehen kann. Eine raffinierte Kombination aus Körperlichkeit und Intellekt, aus Gewalt und Raffinesse, aus Kraft, Ausdauer und Eleganz, eine gut ausgewogene Balance aus Freiheit und Regeldichte. Fussball ist ritterlicher Krieg (aber nicht so vergeistigt wie Schach und nicht so unverhohlen brutal wie Boxen), universell verständlich und doch voller regionaler Eigenheiten. Man muss nicht selber «tschutten», damit einen diese Mixtur fasziniert – eine Mischung, aus der sich jeder seine Lieblingsbestandteile herauspicken kann.

Somit funktioniert Fussball wie grosses, seit Jahrhunderten sich in immer neuen Interpretationen bewährendes Theater: Man muss nicht selber Prinz von Dänemark sein, damit einen «Hamlet» jedesmal neu packt (in manchen Aufführungen mehr als in anderen); und um immer wieder aufs Neue von «König Ödipus» ergriffen zu sein, ist es nicht nötig, dass man selber eine besonders enge Beziehung zu seiner Mama unterhält. Synchronschwimmen ist für (verkappte) Synchronschwimmer(innen) – Fussball ist für alle. Und die Fifa nicht nur blöd, wenn sie nicht schleunigst den Videobeweis anstelle der Schiedsrichter-Entscheidung einführt. Was der Gerechtigkeit dient, dient nicht unbedingt dem Drama. Ist es etwa gerecht, dass der Befreier von Theben ausgerechnet an seine eigene Mutter geraten musste?

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Erstellt: 14.07.2010, 08:46 Uhr

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