Was sagen Sie zum Begriff «Gesundheitskompetenz»?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 02.12.2009
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Liebe Frau N. «Gesundheitskompetenz», so sage zunächst einmal nicht ich, sondern sagt eine vom BAG in Auftrag gegebene Studie der Universität Bern, «lässt sich (. . .) als Komponente von Empowermentprozessen verstehen. (. . .) Gesundheitskompetenz ist eine Voraussetzung für die Übernahme von prospektiver Verantwortung für Gesundheit. (. . .) Gesundheitskompetenz ermöglicht somit eigen- und mitverantwortliches Gesundheitshandeln. (. . .) Patientenkompetenz ist eine aufgabenspezifische Form der Gesundheitskompetenz. Patientenkompetenz bezieht sich auf die Kompetenz einer Person in der Rolle als Patient oder Patientin zum sinnvollen Umgang mit den Angeboten des Gesundheitssystems.» Wer wollte dem hehren Ziel von mehr Gesundheitskompetenz widersprechen?
Sie raten richtig: Ich. Aber nicht, weil ich gegen Eigen- und Mitverantwortung bin, nicht, weil ich Kranksein gut finde oder weil ich für einen sinnlosen Umgang mit den Angeboten des Gesundheitssystems plädiere, sondern weil mir die Ideologie von Gesundheit als ständiger Aktivität gegen den Strich geht. Sie stellt den Kranken unter Generalverdacht mangelnder Erfüllung seiner Sorgfaltspflichten und lässt keinen Raum für eine Erfahrung, die zum Kranksein eben auch gehört: das Erlebnis des Ausgeliefertseins und «sinnloser» Passivität. Es macht aus dem Gesundbleiben einen Fulltimejob, aus jeder Arztkonsultation ein Mitarbeitergespräch, in dem Stärken und Schwächen der bisherigen Gesundheitskompetenz evaluiert und im Sinne besserer Patientenkompetenz optimiert werden sollen.
Gesundheitskompetenz bedeutet, das evolutionäre Projekt des «survival of the fittest» Tag für Tag selbst in die Hand nehmen zu müssen. Der Satz, dass jeder seines Glückes (respektive seiner Gesundheit) Schmied sei, ist nicht deshalb abzulehnen, weil man in Wirklichkeit nichts selber für sein Wohlergehen beitragen kann, sondern weil er nur eine geschönte Formulierung des Vorwurfs «Selber schuld!» darstellt. «Die Allgegenwart des Ermächtigungsimperatives», schreibt der Soziologe Ulrich Bröckling in einer Kritik des Empowerments, «verweist auf ein ebenso allgegenwärtiges Defizit: Was alle brauchen, ist das, was allen fehlt. Wem man Bemächtigung verordnet, der wird sie nötig haben. Die Wunde, die Empowerment zu heilen verspricht, schlägt es so im gleichen Masse stets neu.» So endet die gesundheitskompetente Ermächtigung genau bei dem, was sie vorgeblich bekämpft: der Entmündigung der Gesunden wie der Kranken.
Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Fragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.12.2009, 08:56 Uhr

































































































































