Was verkauft eigentlich der Psychoanalytiker?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 17.03.2010

Kann es zwischen Psychoanalytiker und Klient eine echte Beziehung geben oder wird hier nur Empathie gegen Geld verkauft? Prostitution auf seelischer Ebene? C. F.

Lassen Sie mich Ihre Frage zunächst mit der Gegenfrage beantworten, was an der Beziehung zwischen einer Prostituierten und ihrem Kunden eigentlich so unecht sein soll. Man kann ja kaum behaupten, dass gekaufter Sex kein echter Sex sei. (Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass bezahlter Sex darum dasselbe ist wie nicht bezahlter.) Dass auch der Psychoanalytiker etwas verkauft, ist klar. Aber ich bezweifle, dass seine Handelsware in erster Linie Empathie ist. Ein Psychoanalytiker, der vor allem auf der Schiene «Das kann ich unheimlich gut nachvollziehen» fährt, ist vielleicht ein netter Mensch, aber kein guter Psychoanalytiker. Denn Psychoanalyse ist eher die Kunst des Nicht-Verstehens und (kreativen) Miss-Verstehens als eine Form des Mitfühlens. Ich möchte Ihnen das an einem Fallbeispiel erläutern, das aus einer Veröffentlichung meines Kollegen Peter Widmer stammt. Ein in der Friedensbewegung engagierter Analysand räsoniert stundenlang über die Gefahren der Wasserstoffbombe. Der Analytiker hört lange zu und widersteht der Versuchung des einfühlenden Verständnisses, bis ihm das Wort «Wasserstoffblonde» herausplatzt. Was zunächst wie ein unangemessener Kalauer erscheint, stellt eine überraschende Verbindung zur Biografie des Patienten dar. Es war nämlich eine wasserstoffgebleichte Blondine, welche zwar nicht den Weltfrieden, aber den Ehefrieden seiner Eltern bedroht hatte.

Zum Schluss noch zur berühmt-berüchtigten Übertragungs-Beziehung. «Ist die in der analytischen Kur manifest werdende Verliebtheit wirklich keine reale zu nennen?» fragt Freud und antwortet: «Man hat kein Anrecht, der in der psychoanalytischen Behandlung zutage tretenden Verliebtheit den Charakter einer ‹echten› Liebe abzustreiten. Wenn sie so wenig normal erscheint, so erklärt sich dies hinreichend aus dem Umstande, dass auch die sonstige Verliebtheit ausserhalb der analytischen Kur eher an die abnormen als an die normalen seelischen Phänomene erinnert.» Auch eine Liebe, die unerfüllt bleiben muss, ist darum doch nicht unecht.

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. Kurze Fragen haben grössere Chancen, berücksichtigt zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2010, 11:27 Uhr

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