Das Land der abrupten Flanken
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 19.05.2010
Zu Fuss
Panoramaweg über dem Urner Reusstal
Route: Erstfeld Bahnhof – Erstfeld Dorf – Ober Schwandi (Seilbahn-Bergstation) – Strengmatt – Öfital – Ellbogenkapelle – Erstfeld Bahnhof.
Dauer: viereinhalb Stunden.
Höhendifferenz: je 800 Meter aufwärts und abwärts.
Charakter: Anstrengender Aufstieg und Abstieg. In der Mitte ein Höhenweg. Am Schluss gemütliches Auslaufen der Reuss entlang.
Höhepunkte: Die Bergblumen. Der Blick hinab ins Reusstal und auf grosse Urner Berge wie Krönten und Bristen. Das wilde Öfital.
Einkehr: Nur in Erstfeld.
Stichworte
Der Schweizer Heimatschutz hat mir das Büchlein «Die schönsten Spaziergänge der Schweiz»* geschickt. Es enthält 33 Gehvorschläge samt appetitlichen Fotos und Wegplänen – eine beflügelnde Sache. Man könnte etwa auf einer Tour durchs Walliser Dorf Troistorrents historische Chalets besichtigen. Oder in Murtens Altstadt die ockergelbe Einheit der Kalkfassaden würdigen. Oder bei Derendingen am Emmekanal ein ehemaliges Spinnereiarbeiter-Kosthaus betrachten. Oder die Breggiaschlucht unweit von Chiasso und die Palazzi an ihrem Rand erforschen. Oder in Altdorf wandern; der Urner Hauptort ist von 16 Kilometern Natursteinmauern durchzogen, die meisten sind über 200jährig.
So, jetzt habe ich mir selber den Ball zugespielt. Meine heutige Kolumne spielt nämlich im Kanton Uri. Genauer gesagt, starten wir in Erstfeld, das seit der Geburt der Gotthardbahn als Eisenbahnerdorf gilt.
Wenn der Lokiführer Feierabend hat
Und tatsächlich, als wir – ich und mein Grüppchen – beim Bahnhof Erstfeld noch studierten, wo der Weg hinauf zur Strengmatt wohl beginne, bot uns ein untersetzter Mann mit Bart Hilfe an. Wir nahmen an, kamen ins Gespräch mit ihm, und er berichtete in deftigem Urner Dialekt, er sei Lokomotivführer, habe diesen Morgen kurz vor drei mit der Arbeit begonnen, sei zweimal von Erstfeld hinauf nach Göschenen gefahren, dann hinab nach Zürich. Und jetzt habe er jenen Zug gesteuert, dem wir entstiegen seien, und somit sei seine Schicht zu Ende.
Wir waren beeindruckt, den Menschen zu treffen, der uns so sicher chauffiert hatte. Dann zogen wir los, auf der Hauptstrasse retour zur Kirche und noch etwas weiter retour – und wer jetzt nicht auf Anhieb den Einstieg in den Hang findet, der aber durchaus korrekt signalisiert ist, frage einen Einheimischen. Wir kamen bestens zurecht. Die meiste Zeit gingen wir danach im Wald und sahen nicht viel. Aber was für ein Wald das war! Schrecklich steil war er und von Tobeln durchzogen. Uri ist nun einmal das Land der abrupten Flanken.
Ungewöhnlich aussichtsreich
Bei Ober Schwandi erreichten wir die Bergstation der Kleinseilbahn von Erstfeld. Es begann ein ungewöhnlich aussichtsreicher Panoramaweg. Tief unten das Reusstal mit Autobahn und Schienenstrang, auf der anderen Seite des Tals der Krönten und seine Nachbarn, zu unserer Linken aber der Riegel der Bälmeten und geradeaus der durch seine pyramidale Ebenmässigkeit kenntliche Bristen: In diesem monumentalen Ambiente hielten wir Richtung Strengmatt.
Dort rasteten wir und ... nun kommt eine schlechte Nachricht. Wir hatten das Vergnügen der Einkehr, doch inzwischen ist die «Strengmatt» geschlossen. Der Besitzer untersagt das Betreten seiner Prachtsterrasse, sie ist jetzt Privatgelände – tut mir leid, liebe Leser! Wobei, diese Route ist so schön, dass es gut ohne Einkehr geht. Und der Tod der Wirtschaft macht letztlich den Weg nur exklusiver.
Zitterknie beim Abstieg
Entlang dem Öfibach, der sich durch Geschiebehaufen und entwurzelte Bäume als Übeltäter verriet, stiegen wir alsbald auf ruppigen Pfaden ab. Wir hatten Zitterknie, als wir unten bei der Ellbogen-Kapelle die Reuss erreichten; von dort führt ein hübscher Weg dem Fluss entlang retour nach Erstfeld. Besagte Ellbogen-Kapelle, der Heiligen Ursula gewidmet und irgendwann nach 1600 entstanden, ist übrigens ein Bijou – eigentlich, denke ich im Nachhinein, hätte sie auch einen Eintrag im erwähnten Heimatschutzbüchlein verdient.
*Die Broschüre gibt es beim Heimatschutz, 16 Franken. www.heimatschutz.ch
TA-Reporter Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Route vor. Eben ist sein neuer Wanderführer mit 52 Routen erschienen; "Zu Fuss. Die verschwundene Seilbahn" gibt es auf www.echtzeit.ch
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.05.2010, 09:04 Uhr
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