Annett, Alkaios und die Fahne auf der Sissacherfluh

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 05.03.2009 2 Kommentare

Der Schnee zwingt uns, in den Niederungen zu bleiben. Die Sissacherfluh ist nur 700 Meter hoch. Genug, um die ganze basellandschaftliche Hügelherrlichkeit zu überblicken.

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Wanderstart in Sissach, die Sissacherfluh voraus.
Thomas Widmer

   

Ich stehe mit Annett, die ich seit fünf Minuten kenne, auf Perron Nr. 16 des Basler Bahnhofs, und mir ist klar: Wandern im Gebiet der Hohen Winde, wie ich es vorgeschlagen habe, geht heute gar nicht. Es hat in der Nacht geschneit, dort oben auf 1200 Metern liegt jetzt zu viel Schnee. Und so schlage ich als neues Ziel die Sissacherfluh vor. Die kenne ich, sie ist nur so um die 700 Meter hoch. Und es gibt auf ihr ein Restaurant.

«Baselbiet statt Kanton Solothurn - ist das okay, Annett?» «Ja!»

Wir nehmen die S-Bahn. Ein paar Wochen zuvor hat mich eine junge Frau kontaktiert: Sie heisse Annett Altvater, sei freie Journalistin in Basel und arbeite für ein Apothekenmagazin, und dieses wolle eine Wander-Ausgabe machen, weswegen sie, Annett, gern ein Interview mit mir machen würde. Am liebsten wandernderweise. Ob das möglich sei? Aber klar, doch, gern, habe ich zurückgemailt.

In Sissach gehen wir bahnhofsnah noch etwas trinken in einer rudimentären Wirtschaft, deren Wirt die Bestellung «Orangenjus» mit einem verständnislosen «hä?» beantwortet. Und endlich legen wir los. Die Sissacherfluh drängt sich unserem Auge förmlich auf: ein bewaldetes Horn über dem Dorf, das auf der uns zugewandten Seite eine senkrechte, gelbliche Kalkwand entblösst.

Die Wanderung zu ihr ist easy: durch den Ort, durch ein Einfamilienhaus- und Villenviertel, durch Acker- und Obstbaumgelände, schliesslich auf schmalem Pfad durch den Wald östlich der Fluh. Über vieles reden wir beim Gehen, über Annetts Jugend in Potsdam, meine Wanderei, gute und weniger gute Romane, amerikanische TV-Serien im hiesigen Fernsehen. Darüber vor allem. Wir sind beide Serienjunkies.

Oben auf der Fluh hängt die Schweizer Fahne so jämmerlich ausgeblichen an ihrer Stange, dass mir das berühmte Gedicht des alten Griechen Alkaios über das «Staatsschiff» einfällt - passen diese Zeilen nicht wunderbar in unsere Zeit: «Nicht mehr zu deuten weiss ich der Winde Stand/ Denn bald von dorther wälzt sich die Wog’ heran/ Und bald von dort, und wir inmitten/ Treiben dahin, wie das Schiff uns fortreisst/ Mühselig ringend wider des Sturms Gewalt/ Denn schon des Masts Fussende bespült die Flut/ Und vom zerborstnen Segel trostlos/ Flattern die mächtigen Fetzen abwärts.»

Schön, nicht? Für wen ich nun zu weit vom Thema abgeschweift bin, dem sei dargelegt, dass auch der Blick von der Fluhterrasse wunderbar ist: die ganze basellandschaftliche Hügelherrlichkeit offenbart sich. Und uns zu Füssen breitet sich Sissach aus und füllt kompakt das Tal der Ergolz aus; das hat in seiner Wohlgeordnetheit etwas Tröstliches, womit die im Alkaios-Gedicht mitschwingende Depression gebannt wäre.

Im Restaurant sind wir kurz nach elf fast die Ersten, doch bald füllt sich das pavillonartige Lokal. Annett macht nun ihr Interview. Und wir essen, finden allerdings, dass die Rösti so, nämlich angebrannt, nicht optimal schmeckt. Dafür ist, und ich meine das nicht ironisch, der Service nett. Und es macht dann auch die zweite Etappe Freude: wieder hinunter nach Sissach, diesmal in einem weiten Bogen via Wintersingerhöhe und Alpbad. Und während wir uns über die Finanzkrise unterhalten und ob es in Zukunft noch eine AHV geben wird, sagt Annett, die der finanziellen Altersvorsorge nicht viel abgewinnen kann: «Ich kümmere mich um Dinge, die mir keiner nehmen kann.»

Darüber muss ich lachen - es kommt so unverblümt, so jung daher. Und Annett muss lachen, weil ich lachen muss. Und daher lachen wir zusammen. Und immer wieder, wenn ich im Nachhinein an unseren Ausflug denke, fällt mir die 27-jährige Annett ein und ihr Wille, den Moment zu geniessen. Und dann muss ich wieder lachen. Im Übrigen passt Annetts Satz auch als Wandermotto bestens: «Ich kümmere mich um Dinge, die mir keiner nehmen kann.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2009, 08:40 Uhr

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2 Kommentare

christian meyer

05.03.2009, 21:26 Uhr
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hey hr. wiedmer, gehns doch wieder mal mit annett, weil sie so nett, und das ganze wandern noch mal eine dimension hinzu gewinnt. ich kümmere mich leider auch um dinge die mir einer wegnehmen kann. jetzt aber mal: gratuliere zu den wanderkolumnen tagein, wocheaus und gut wanderschuh! Antworten


Max Bürge

06.03.2009, 15:36 Uhr
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Flügel möchte ich besitzen, Bis zum blauen Himmel dringen, Wo die schönen Sterne blitzen - Schöner Engel (Annett), schenk mir Schwingen. Als der Engel mich vernommen, Griff er in die Silbertruhe - Und was habe ich bekommen? Gute, feste Wanderschuhe. (Autor, mit Ausnahme dessen, der "Annett" dazufügte, unbekannt) Wanderschuhe kann einem niemand wegnehmen..... Antworten



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