Aus dem Hades auf die Sonnenterrasse
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 22.01.2009 3 Kommentare
Wanderkolumnisten kennen keinen Schmerz, mögen die Leser denken. In meinem Fall liegen sie falsch. Selten hatte ich Muskelkater wie jetzt (Montag), da ich diesen Text schreibe. Die Oberschenkel tun mir so weh, dass ich am Morgen ins Badezimmer wankte wie ein Greis. Der Samstag wirkt nach, die sechseinhalbstündige Schneeschuhtour auf den Chasseral unter Führung von Lotti aus Biel.
Lotti nämlich, die Chasseralspezialistin, der ich letzten Herbst eine Kolumne widmete, hatte vorgeschlagen, dass wir diesmal...
Halt! Die Chasseralexpedition kann erst nächste Woche kommen. Ich bin noch nicht à jour, muss zuerst die vielen Eindrücke, Notizen, Fotos verarbeiten.
Daher etwas ganz anderes: Wir wandern in Brigels in der Surselva. So heisst bekanntlich der Abschnitt des Vorderrheins zwischen Flims und dem Oberalppass. Bei der Anreise am 3. Januar hatte ich ein erhellendes Erlebnis. Der Zug von Zürich nach Chur war proppenvoll mit Wintersportlern aller Gattung. In Chur vollzog sich die Entflechtung. Unglaublich viel Volk stürmte den Zug nach St. Moritz. Auch auf der Rolltreppe hinauf zu den Postautos nach Lenzerheide, zum San Bernardino et cetera wuselte es von Menschen. Die Umsteiger drängten und hasteten in alle Richtungen. Und bildet nicht der Vorgang exakt den Kanton Graubünden ab, dies unendliche Verästelungs- und Verzweigungssystem ab Chur?
Mein Zug, der nach Disentis, war mässig besetzt. Gut. Ich platzierte mich auf der rechten Seite und konnte einige Zeit später ungestört die Ruinaulta-Schlucht vor Ilanz geniessen. Angesichts ihrer hohen Kalkpfeiler kommen mir jedes Mal Erinnerungen an Türkei-Reisen hoch, an die bizarren Tuffgebilde von Kappadokien.
Endlich stieg ich in Tavanasa aus. Blöd, dass der Wartesaal zu war, offenbar ist das an Wochenenden Usus. Eine deutsche Familie mit zwei Kindern auf dem Weg in den Urlaub fand es nicht lustig: 24 Minuten Bibbern im Tiefkühlschrank. Ich hatte kein Gepäck, war also mobil, bog um die Ecke, entdeckte an der Hauptstrasse ziemlich nah das Restaurant Staziun, nahm dort schnell einen Kaffee, und mein Ärger verflog.
Dann eine Fahrt von atemberaubendem Zuschnitt. Aus dem Schattenreich von Tavanasa kletterte der Bus die Kehren des Steilhangs nach Brigels hinauf; mit reiste neben der erwähnten deutschen Familie auch eine Schar junger Skifahrer und Snöber, die in Danis zugestiegen waren; sie sprachen alle rätoromanisch - für sie heisst Brigels, in dem wir landeten, also «Breil».
Brigels hat viele Wirtschaften, Ferienhäuser und ein kleines Skigebiet. Und einen «Moorladen»: In ihm kriegt man Kosmetika, Badezusätze, Wärme- und Kältekissen und dergleichen, alles aus Moorerde. Ist der Laden aber geschlossen, findet man sein Sortiment auch im Volg.
Nun wanderte ich. Von der Post zog ich, alles der Dorfstrasse entlang, zum Tourismusbüro, zweigte dort links ab und geriet bald an das Kapellchen Sogn Giacun. Gern hätte ich die spätgotische Holzdecke besichtigt, die mein Kunstführer mir anpries, doch leider war die Tür verschlossen. Ich hielt 200 Meter weiter die Strasse hinauf, hier beginnt der Winterwanderweg, sauber signalisiert mit einem pinken Schild. Im Folgenden stieg ich, vorerst durch Wald, aufwärts, liess mich durch einige Abzweiger nicht irritieren, kam schliesslich in ein enges Gebirgstal, durchflossen vom Flem, dessen Steine jeder für sich mit einem Schneehäubchen gekrönt waren. Bei Punkt 1413 der Alp da Stiarls dann vollzog ich eine Spitzkehre und spazierte dem Flem entlang auf einer perfekt gewalzten Piste retour, hinab - beeindruckende Berge im Blick - ins Bijou Brigels.
Später, unten im Hades von Tavanasa, war mir die Kälte egal. Das Licht, das man sich auf der Zweistundenwanderung über die Sonnenterrasse von Brigels zuführt, wirkt nach und erhellt das Gemüt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.01.2009, 09:00 Uhr
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3 Kommentare
Und so ist das an weiteren Haltestellen, auch wenn Ilanz noch im Schatten liegt, Ruschein und Ladir prangen in der Sonne. Schneeschuhwandern auf Maiensäss- und Alpwegen auf eigene Faust oder aber den Winter-Wanderweg und Teil der Senda Sursilvana unter die Füsse nehmen nach Falera. Dort gibts zwei spezielle Sachen: bei schöner Nacht in die Sternwarte, tagsüber zu den Menhiren bei der alten Kirche. Antworten
Schade, dass man in den ursprünglich interessanten Wanderkolumnen von Thomas Widmer in letzter Zeit immer weniger über die eigentliche Wanderroute, dafür immer mehr über die sich daran befindenden Beizen oder über eher unwichtige Details wie geschlossene Wartesäle erfährt. Das ist nun doch allmählich etwas oberflächlich geworden. Antworten
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