Leben

Besteigung einer Avocado

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 31.07.2009 1 Kommentar

Nicht nur wunderschöne Natureindrücke liefert die Wanderung hinauf zur Hochalp im Triangel Wattwil–Urnäsch–Unterwasser: Sie überzeugt auch durch ihre stimmigen Einblicke in die ländliche Kultur.

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Noch ist es weit bis zur Hochalp.
Thomas Widmer

   

Im Triangel Wattwil–Urnäsch–Unterwasser, dem Grossreich der Nagelfluh, ist gut wandern. Denn a) das Gebiet ist nicht zu bekannt und überlaufen, b) der Necker und die anderen Gewässer haben hochromantische Bachlandschaften geschaffen und c) in der Vorzeit wurde die Nagelfluh durch den Druck der anrückenden Alpen manchenorts aufgebrochen oder gar aufgestellt. Darum kontrastieren böse Bröckelfluhen mit fröhlichen Högern. Diese Landschaft ist grosses Theater.

Top Five

Folgende Wanderungen empfehle ich – gewissermassen als Lehrgang in fünf Teilen:

1. Von Wattwil via Scherrer und Heiterswil hinauf nach Hemberg: Das ist eine Sinfonie in Grün. Glanzpunkte sind in der Mitte die Bauernwirtschaft Churfirsten und am Schluss das kecke Kretendorf Hemberg, ein Kabul der Ostschweiz.

2. Von der Bushaltestelle Schiltmoos auf der St. Galler Seite der Schwägalpstrasse über den Windenpass nach Alt St. Johann: Trampolinartig federt der Moorboden, wie ein Urwald mutet unterhalb des Passes die Buschpartie samt ihren raren Pflanzen an. Und der Gräppelensee auf einer Terrasse über Alt St. Johann ist ein Kleinod.

3. Von der Bushaltestelle Bernhalden, ebenfalls auf der St. Galler Seite der Schwägalpstrasse, via Risipass zum Stockberg und hinab nach Nesslau: Der Gipfel zwischen Luteren und Thur lohnt die Mühe, er ist ein grosszügiger Panoramaspender.

4. Von der Bushaltestelle Seebensäge, gleich noch einmal an besagter Strasse gelegen, hinauf zur Alp Ellbogen, dann hinab Richtung Ofenloch, wieder hinauf nach Neuwald und hinüber via Chräzerenpass zur Schwägalp: Das Ofenloch ist der Grand Canyon im Kleinen, man muss es gesehen haben. Die geborstene Nagelfluh offenbart sich in ihrer ganzen Brutalität, in 200 Meter hohen Wänden. Und unten im Loch ist für immer Urzeit.

5. – ihr möchte ich mich etwas ausführlicher widmen – ist da die Hochalp. Wie eine feiste Avocado liegt der Grasberg mitten in dem erwähnten Triangel. Letzten Herbst erwanderten wir ihn von Hemberg aus. Nach 30 Minuten landeten wir bei der Mistelegg im Alpstöbli, einer Bauernwirtschaft, in der ich als Kind ein paar Mal mit den Eltern war; damals wirtete der FDP-Nationalrat Georg Nef. Nun hat Sohn Markus übernommen. Er servierte uns Wanderern hausgemachten Zuckerkuchen. Pardon: Ein Einheimischer sagt nicht «Kuchen», sondern «Fladen».

«So muss ein Appenzeller aussehen»

Bald nach der Mistelegg querten wir den Necker. Auf der Kantonsgrenze St. Gallen–Ausserrhoden hielten wir steil aufwärts zum Älpli. Und wir gingen von dort, bei grandioser Sicht auf wilde Wände und Spitzhügelchen, zur Santmaregg. Auf der Hochalp dann liessen wir uns vom Wirt und Bauer Hans Fuchs mit Knobliwurst und Bier verköstigen. Das melancholische Spitzbubengesicht des «Fochsehans»: So muss ein Appenzeller aussehen.

Schliesslich passierten wir einen gewaltigen Erosionstrichter und bogen, kurz vor dem Faltlig, nach links ab Richtung Urnäsch. Zu dem Ort, wo die Wanderung endete, gibt es Erfreuliches zu berichten: Lange serbelte das Dorf im Ausserrhoder Hinterland vor sich hin. Dank dem neuen Reka-Feriendorf schwingt es sich jetzt empor: Wanderwege werden erstellt. Bauernhöfe laden zum Kühe-Streicheln. Und es ist das Projekt «Urnäscher Käse» im Gang: der Versuch, etwas Gutes, doch bisher Dezentrales und schlecht Vermarktetes unter ein Dach und Label zu stellen. Gut 40 Bauern sind dabei.

Zurück zur Hochalp. Am 16. August ist dort wieder einmal Stobete, Sennenfest mit Tanz, Trunk, Allotria. Allerdings stellt sich die Grundsatzfrage: Will man hingehen und dazu beitragen, jene Note von Freiluftzoo zu verstärken, die dem Anlass immer mehr anhaftet? Die Touristen fotografieren die Sennen, als seien sie eine rare Spezies im Tierpark. Im Grunde genommen muss jeder selber entscheiden, ob er das gut findet. Ich für mein Teil gehe an jedem anderen Tag lieber auf die Hochalp.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2009, 14:13 Uhr

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1 Kommentar

Walter Kunz

17.07.2009, 11:46 Uhr
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Vielen Dank für ihre Bemühungen dem Wanderer zum Teil noch unbekannte Ecken des Landes für Wanderungen oder sogar einen Urlaub näher zu bringen. Ein weiterer gelungener Wandervorschlag. Antworten




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