Camembert, Weisswein und zum Dessert Schnee

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 16.01.2009 7 Kommentare

Gibt es eine schönere Bergkette als die Churfirsten? Diese Winterwanderung im Obertoggenburg ist eine Ausnahmeerscheinung an Schönheit.

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Die Kirche von Alt St. Johann im Morgendunst.
Thomas Widmer

   

Du nimmst in Alt St. Johann die Gondel zur Alp Sellamatt 500 Meter höher und erwartest keine Sensationen. Eine Winterwanderung willst du machen, ganz banal frische Luft schnappen, dich ein wenig bewegen. Dass auf Sellamatt Gelegenheit dazu ist, dessen hast du dich am Vortag bei Toggenburg Tourismus versichert. Und während du also bergwärts schwebst, plauderst du mit einem Ehepaar um die 60, das die Schneeschuhe dabei hat und Richtung Brisi gehen will: «Aber wenn es gefährlich ist, kehren wir um. Man muss aufpassen, wegen der Lawinen.»

Du nickst. Dann seid ihr oben. Du steigst aus, siehst ein typisches Skifahrer-Restaurant. Ein uncharismatischer, sehr, sehr nüchterner Bau ist das. Statt einzukehren, gehst du, nachdem du dich von dem Ehepaar verabschiedet hast, gleich los. Bitterkalt ist es, am frühen Vormittag liegt das Gelände im Schatten, du nestelst als Investition in dein Wohlbehagen die Handschuhe heraus und ziehst die Mütze tief über die Ohren. Die Richtung ist dir signalisiert mit einem pinkfarbenen Wegweiser. Gerade geht es den Hang hinauf.

Gar nicht übel, die Gegend, denkst du. «Mittelstofel» heisst vorerst dein Ziel. Zuvor aber erreichst du nach 20 Minuten Zinggen. Die gleichnamige Berghütte wird in dem Prospekt, den du dir bei der Sellamatt gegriffen hast, als «Pub» bezeichnet. Da es noch sechs, sieben Stunden dauert bis zum Après-Ski, verzichtest du auch hier auf eine Einkehr. Der Weg dreht nun allmählich nach rechts. Und noch immer ist das eine durchschnittliche Route, du bist Teil des Winterrummels, hörst die Rufe der Skifahrer und das scharfe Schleifen der Skikanten an denjenigen Stellen, wo die Piste hart gefroren ist.

Doch dann, irgendwann. Die Skifahrer bleiben zurück, eine nächste Wirtschaft ist nicht zu sehen, andere Leute hat es um diese frühe Zeit nicht. Und daher bist du jetzt ganz allein auf einem Alpboden von sehr grosszügigem Zuschnitt, einem schier endlos sich erstreckenden Hang. Und die sieben ihn überragenden Churfirsten sind eine Wucht an Statur und Ebenmass. Kann es im Land eine schönere Bergkette geben, fragst du dich. Und gleichzeitig kommt die Sonne hinter dem Chäserrugg hervor und beginnt dir Licht und Wärme zu schenken.

Das ist perfekt so, findest du. Bloss - es wird sozusagen noch perfekter. Der Weg führt meist geradeaus, ab und zu aufwärts, schlängelt sich vorbei an menschenhohen Felsbrocken, quert kleine Waldstücke, zieht sich wieder durch freies Feld, reizvoll ist das. Und der Schnee, ja der Schnee. Er scheint wie vom ersten Tag, ist rein und weiss, dass man ihn auf einem dunkelblauen Glasteller mit Schlagrahm und Kiwi-Scheiben anrichten und verspeisen möchte. Und die Luft ist köstlich berauschend wie Champagner. Und die Aussicht sucht ihresgleichen. Obwohl du dich an den Churfirsten, am Brisi vor allem, nicht sattsehen könntest, bestaunst du auch die Kette zur Rechten. Dort stehen Säntis, Schafberg und all die anderen Grossen im Morgenlicht. Und hinter dir stechen Vorarlbergs Gipfel aus dem Nebelmeer.

So geht das, und du gehst weiter in Schneetrance, es kommt der Mittelstofel und endlich nach zwei Stunden Gehzeit der Thurtalerstofel mit seinen langgezogenen Alphütten. An diesem Punkt endet die gewalzte Piste, du musst umkehren. Aber natürlich nicht sofort. Du setzt dich vor einer Hütte ins Trockene, blinzelst in die Sonne und denkst, dass diese Winterwanderung alles andere als courant normal ist; sie ist eine Ausnahmeerscheinung an Schönheit. Nur zwei Dinge vermisst du aus dem Moment heraus: erstens Gesellschaft, du bist allein unterwegs. Und zweitens einen Imbiss. Du beschliesst daher: An diesen grossartigen Ort willst du bald zurückkommen, nicht allein - und den Rucksack voller guter Dinge von Camembert und Weissbrot bis Wein. Dies ist der erhabenste aller Picknickplätze. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2009, 12:01 Uhr

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7 Kommentare

Hanspeter Mösch

15.01.2009, 15:18 Uhr
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Der rethorischen Eingangsfrage bezüglich der Churfirsten gibt es nichts beizufügen. Wenn aber die Frage nach dem schönsten einzelnen Berg gestellt wird, dann möchte ich auf den Wildhauser Schafberg hinweisen, der sich auf der Foto schön neben dem Kirchturm zeigt. Antworten


Heidi Keller

15.01.2009, 17:38 Uhr
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Kompliment zum stimmungsvollen Beitrag, er verführt geradezu dazu, loszuwandern. Mit dem Berggasthaus Sellamatt gehen Sie aber etwas arg hart ins Gericht. Gerade als nüchtern würde ich das Haus nicht bezeichnen, ich finde das aus mehreren Gebäuden bestehende Haus aus Holz und Steint, recht gemütlich und für den Ort passend. Ich kehrte gerne dort ein und fand Angebot und Preise sehr gut. Antworten



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