Leben
Conterser Bock und ein eifersüchtiges Walsermädchen
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 18.08.2010
Zu Fuss
Lange Passwanderung vom Prättigau ins Schanfigg
Route: Küblis – Conters – Fideriser Duranna – Durannapass – Strassberg – Sapüner Steg – Langwies Dorf – Langwies Bahnhof
Dauer: 6 Stunden.
Höhendifferenz: 1300 Meter aufwärts, 800 abwärts.
Charakter: Ungeheuer abwechslungsreich: Forststrässchen, Moorstreifen, Heidelbeerreviere, besonnte Bauernhänge, eine wilde Schlucht, schöne Kirchen in Küblis und Langwies.
Höhepunkte: Das Grüenseeli beim Durannapass. Der Moment, wo man das Fondei erblickt. Die atemberaubende Schlucht des Fondeier Baches vor dem Sapüner Steg.
Einkehr unterwegs: Empfehlenswert ist das Duranna-Beizli unterhalb des Passes auf der Langwieser Seite (Sa/So/Mo bei gutem Wetter). In Strassberg gibt es das Berggasthaus "Tranquilo", www.tranquilo.li (tolle Terrasse).
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch
Stichworte
Von Küblis über den Durannapass nach Langwies: Diese Route stürzt uns tief in die Geschichte der Walser. Das beginnt schon mit dem Namen des Startortes. Das Prättigauer Dorf ging unter dem Einfluss der Klosterser Walser vom Rätoromanischen zum Deutschen über, aus Cuvlignas wurde Küblis.
Eine uralte Karfreitagsspeise
Man müsste in Küblis die Nikolaikirche besichtigen, Spätgotik! Ich tat es nicht, immerhin sind es sechs Gehstunden bis Langwies. Stattdessen querte ich gleich die Brücke nach Conters hoch am Hang vis-à-vis. Allerdings habe ich dieses erste Zwischenziel nie erreicht. Brav folgte ich der Signalisation, geriet aber trotzdem auf Abwege und verpasste den Ort. So bleibt das einzige, was ich von Conters weiss, weiterhin dies: Es gibt dort eine uralte Karfreitagsspeise. Das Rezept für den "Conterser Bock" steht im Internet: Man wälze ein hartgekochtes Ei in einem Omelett-Teig, backe es in Fett aus, wälze es wieder im Teig, backe es wieder aus und repetiere das, bis der Kalorienklotz die gewünschte Grösse hat. Guten Appetit!
Mein Aufstieg via Pardels – Plandagorz - Fideriser Duranna zerfiel in drei Teile. Zuerst ein Durchschnitts-Anfang auf den erwähnten Forststrässchen. Dann Schönheit nach Isländer Art: Moorboden, Sumpfgräser, rötliche Feuchtwiesen, riesige Heidebeerflächen im einsamen Wald. Schliesslich ein gewundenes Kiessträsschen hinauf zum Pass, das Biker lockt.
Glitzertraum Grüensee
Der Durannapass, 2117 Meter, ist ein sanfter Übergang, wozu der federnde Moorboden passt. Ein Spektakel der nahe Grüensee; er ruht als Glitzertraum in seiner Mulde, mit dem Mattjisch Horn zur einen und der Weissfluh zur anderen Seite.
Unter mir erblickte ich nun das Fondei, legendäres Walsergebiet, ein weiter Hang mit sonnengeschwärzten Häusern und Ställen. Aber nun muss ich überhaupt in Erinnerung rufen, wer die Walser waren: ein Pioniervolk aus dem oberen Wallis. Im Hochmittelalter setzten sie sich in Bewegung, besiedelten schubweise Bergregionen, die als gefährlich oder unergiebig galten. Die Walser haben die alpine Schweiz geprägt.
Düstere Gedanken in der Wildnis
Ich wanderte abwärts, stellte mir dabei das Fondei von einst vor: Heute ist es im Winter mehr oder weniger ganz verlassen, doch für 1623 sind 230 Ganzjahres-Einwohner belegt. Mitte des 19. Jahrhunderts baute man gar ein Schulhaus, es steht im Weiler Strassberg, den ich bald erreichte.
Eines der besten Bücher über die Walser, halb Wanderführer, halb Sachbuch, ist eben erschienen. "Walserweg Graubünden" erzählt vom Leben auf Höhen über 1500 Metern: die Lawinen, der karge Boden, die Schufterei; es war hart. Ich dachte daran, als ich das letzte - allerschönste - Stück der Wanderung absolvierte. Die Schlucht des Fondeierbaches: eine herrliche Wildnis. Aber in frühen Jahrhunderten war sie, damals schlecht gesichert und trotzdem auch bei Schnee und Eis begangen, purer Schrecken.
Eine Tafel holte mich aus den düsteren Gedanken: Unten am Sapüner Steg ist ein berühmtes Walserlied notiert. Es stammt aus Langwies, wo meine Wanderung endete. Ein Mädchen klagt, dass sein Liebster wegen eines reichen Mädchens weggeht. Hier die ersten zwei Zeilen der Eifersucht: "Mis Büeli geid über Sapüner Stäg iin/ I wünschä-mä Wassär in d Schuä." (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.08.2010, 11:50 Uhr
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