Das Rentierjäger-Lager und der Schrottzerkleinerer
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 17.12.2009
Vom Kesslerloch hörte ich zum ersten Mal vor einem Jahr. Ich hatte mir im Antiquariat den Doppelband «Fundort Schweiz» gekauft. Darin fungierte das Kesslerloch als wichtigste prähistorische Fundstätte unseres Landes. Amüsant die Vorzeit-Illustrationen, die so und ähnlich immer wieder in solchen Büchern auftauchen: halbnackte Kinder, die Gesichter dreckig, am Spielen. Frauen in sexy Fellkostümen vor der Höhle am Kochen. Und ein Trupp Männer mit Vollbärten wie Skifahrer Heini Hemmi, die stolz den erjagten Bären anschleppen.
Im Sommer drängte das Kesslerloch wieder in mein Bewusstsein. Ein NZZ-Artikel malte dessen Zukunft düster. Es liegt am Rand eines stillgelegten Zementwerkes; und offenbar gibt es neuerdings Pläne, dass ein Altmetall-Recycler das Areal übernähme. Die schockartigen Stösse der Schrottzerkleinerungsanlage könnten noch unausgegrabene Kulturreste im Boden zerstören, referierte die Zeitung.
Ich beschloss, das bedrohte Kesslerloch zu erwandern; so eine Unternehmung passt in den Weihnachtsmonat, da entwickelt man Gefühle für alles, sogar für eine Höhle. Und also fuhr ich nach Schaffhausen. Das wiederum ist ein Spass in sich. Die Bahnstrecke entlang dem Flughafen Zürich ist grossartig: wie die schweren Vögel eingeschwebt kommen. Nirgendwo anders im Land bin ich mit so viel Feuer Ornithologe wie hier.
Vielleicht gibts noch ein bisschen Hoffnung
In Schaffhausen stieg ich um auf die S-Bahn nach Thayngen. Dort merkte ich, dass ich die 25'000er-Landeskarte, auf der das Kesslerloch eingezeichnet ist, nicht gebraucht hätte. Braune, grosse Wegweiser geleiteten mich in 25 Minuten hin. Freilich nicht auf der Direttissima die Schienen entlang, sondern durch den Hang oberhalb. Einmal ging ich eine Schnellstrasse entlang, Gott sei Dank war da der breite Grünstreifen. Der Umweg hatte den Vorteil, dass ich aus erhöhter Warte die Lokalität überblicken konnte. Das Kesslerloch liegt heute an der Bahnlinie und Strasse durchs Fulachtälchen. Ekelhaft, das Lastwagengedonnere.
Ich erreichte die Höhle. Vor ihr gibt es einen Grillplatz samt Abfallkübel und Holztisch. Sie selber ist geräumig und begehbar, eine Art Tunnel mit Stützpfeiler in der Mitte. Den Wald rundum gab es vor 15'000 Jahren noch nicht. Sondern da waren sumpfige Grasebenen, mit Zwergbirken und Buschwerk bewachsen. Im Loch, dessen heutiger Name daher rührt, dass hier in der Neuzeit Fahrende jene Kessel flickten, die sie im Ort eingesammelt hatten – im Loch hielten sich die Menschen von damals still, wenn es regnete, räucherten sie ihr Fleisch, planten die nächste Jagdexkursion.
Und sie schnitzten. Verzierungen auf Knochen zeugen von einer Freude am Schönen, die sich mit kultischem Eifer mischte. Das Kesslerloch hat den Archäologen reiche Beute aus jener Periode geliefert: Reste von Ren, Gämse, Wildpferd, Schneehasen, Schneehuhn, Steinbock, Murmeltier, Wollnashorn, Mammut. Werkzeug aus Knochen und Silexstein. Geschossspitzen für Harpunen und Speere. Schmuck aus Tierzähnen und Schnecken. Weltberühmt das «weidende Rentier» oder auch «suchende Rentier» auf einem Geweihstab. Es ist im Konstanzer Rosgarten-Museum zu sehen; der Kanton Schaffhausen schätzte die Höhle, die 1873 von einem Lehrer entdeckt wurde, nicht von Anfang an und liess sich manche Trophäe entgehen. Was die Gegenwart angeht, so gibt es immerhin Hoffnung: Eben ist ein Gutachten erschienen, das empfiehlt, den Schutzperimeter um die Fundstätte zu erweitern und dafür das nahe Industrieland zu kaufen und umzuzonen. Der Recycler müsste dann irgendwo anders hin.
Altes Kesslerloch, du hast vielleicht doch eine Zukunft!
Thomas WidmerThomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.12.2009, 16:36 Uhr

































































































































