Das eine Tobel hinauf, das andere hinab
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Bahnhof Erlenbach, Perron, Wanderbeginn.
Foto: Thomas Widmer
Als ich in Erlenbach aus dem Zug steige, klaube ich als Erstes meinen Fotoapparat aus dem Rucksack. Als ich wieder aufblicke – huch! Wo sind meine Wanderfreunde und -freundinnen? Sie tauchen eine halbe Minute später seeseitig aus der Unterführung auf. Das war ganz unnötig, Leute! Diese Wanderung beginnt damit, dass wir auf dem Perron bleiben. Ganz vorn gibt es eine Treppe, die wollen wir nehmen.
Zehn Minuten später sind wir in einem richtigen Tobel. Denn auch das gehört zu diesem vollbesonnt dem Zürichsee sich zuneigenden Komforthang namens Goldküste: In regelmässigen Abständen durchschneiden ihn Tobel zum See hinab. Richtige Tobel. Mit vom Wasser glatt geschmirgelten Bachbetten, kleinen und weniger kleinen Wasserfällen, abrupten Halden zur Rechten und Linken, Geröll und Steilpassagen, die nur dank befestigten Treppen begehbar sind.
Nach einer halben Stunde endet das Tobel bei der Kittenmühle. Hier schneiden wir den Panoramaweg, der sich von der Rehalp am Zürcher Stadtrand über 28 Kilometer bis zum Bahnhof Feldbach zieht. Ich habe ihn vor Jahren bewandert, es war toll, mit Ausnahme des schimmligen Nussgipfels im Restaurant... Nun, es gilt das Prinzip der Verjährung; ich nenne den Namen jenes Etablissements nicht. Aber dass das klar ist: Es ist nicht die Kittenmühle. Sie kann ich jederzeit zur Einkehr empfehlen.
Im Tummelterrain aller Wanderer und Biker
Nächste Station ist der Weiler Wetzwil mit einer reizenden Kirche; hier wird, erklärt mir die in Erlenbach aufgewachsene Wanderfreundin Isabelle, gern geheiratet. Ein Steilsträsschen führt uns anschliessend in jenen Forst, der den ganzen Rücken unseres Wanderziels Pfannenstiel bedeckt.
Pfannenstiel: Das ist der markante Höhenzug nördlich des Zürichsees. Ein fantastisches Naherholungsgebiet für die nahe Stadt ist er, Tummelterrain aller Wanderer und Biker; und last but not least ist er Literatur erstens dank dem Zürcher Schriftsteller Albin Zollinger, der einen Roman nach ihm benannte. Und zweitens durch den Ebenfalls-Zürcher-Schriftsteller Max Frisch, einen bekennenden Zollinger-Fan, der sein Idol just auf dem Pfannenstiel im Herbst 1941 antraf und ansprach. Man kann diese Begegnung zweier Literaten nachlesen in Frischs «Tagebuch 1946-1949». Was Zollingers «Pfannenstiel» angeht – nun, ich habe das Buch gekauft und bin am Lesen, finde es aber (es geht um die Künstlerexistenzprobleme eines Bildhauers) ein wenig verquast.
Zurück zur Gegenwart. Unsere Wanderung kulminiert alsbald auf dem Aussichtsturm der Pfannenstiel-Hochwacht. Dies Stahlding von 1893, das anfänglich auf dem Bachtel stand und vor 17 Jahren hier wieder aufgebaut wurde, ist ansehnlich anzuschauen. Trotzdem ist mir oben mulmig; es windet, der Föhn bringt die Plattform leicht zum Schwanken. Die Aussicht ist allerdings top: Alle Berge von Säntis über Glärnisch und Pilatus bis Eiger, Mönch, Jungfrau sind zu sehen. Und zu unseren Füssen krümmt sich der Zürichsee delikat wie ein Nussgipfel.
Ein Schüblig gegen den Schwindel
Nah dem Turm kehren wir im Restaurant Hochwacht ein, draussen auf der windgeschützten Terrasse. Ich decke mich in der Selbstbedienungsstrasse mit einem Bauernschüblig samt Kartoffelsalat ein, das bannt den Turmschwindel. Der zweite Teil der Wanderung führt dann, wiederum sehr schön, hinab nach Meilen, wobei wir teilweise – im Winter darf man – querfeldein gehen. Schliesslich die letzten 30 Wanderminuten. Wir betreten bei der Ruine Friedberg wieder ein Tobel. Es ist vom selben Kaliber wie zuvor das zu Erlenbach. So hat auch eine der gesetztesten und gepflegtesten Gegenden der Schweiz ihre abgründige und wilde Seite.
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.12.2009, 14:06 Uhr
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