Der Hochzeits-Pass
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 10.09.2009 1 Kommentar
Ich war müde, nachdem ich in zwei Tagen von Tenero her das Verzascatal durchwandert hatte. Also zog ich mich im Gasthaus Alpino zu Sonogno früh zurück in mein Zimmer mit den drei Uraltbetten und las Lisa Tetzners berühmtes Jugendbuch «Die Schwarzen Brüder».
Hauptperson ist Giorgio, ein 13-Jähriger aus einer bitterarmen Familie in Sonogno. Ihn verschlägt es nach Mailand, wo er und seinesgleichen in finstere Kamine klettern müssen, um mit den nackten Händen den Russ abzukratzen.
Giorgios Unglück beginnt im Spätsommer des Jahres 1838 mit der Ankunft eines Mannes, der mit seiner Gesichtsnarbe allen Furcht einflösst. Keiner in Sonogno will mit dem Mann geschäften, der gekommen ist, Knaben für die Mailänder Kamine zu holen. 30 Franken bietet er Giorgios Vater für dessen Sohn. Der Vater lehnt empört ab, doch dann...
Ein Detail fesselte mich: Der Narbenmann kommt von Prato im Lavizzaratal über den Redortapass nach Sonogno – exakt die Route, die ich mir für Tag drei vorgenommen hatte.
Aufbruch
Als es Morgen war, brach ich auf. Zuvor, beim Frühstück, hatte ich permanent der Tetzner-Geschichte nachsinniert. Es haftet den Tessiner Gebirgstälern ein starker Kontrast an zwischen der Schönheit der Natur und der alten Armut, die bis heute nachhallt.
Sonogno lag noch im Schatten, als ich es verliess. Bei der Riesenkirche musste ich schmunzeln. Am Vorabend hatte ich meine Wirtin gefragt, ob ihr Lokal auch im Winter offen habe – sie bejahte. «Nun», sagte ich, «die schwarze Madonna von Sonogno zieht halt viel Volk an.» Und sie: «Es ist eher die Schlittschuhanlage. Die Leute kommen von weit her. Und langlaufen kann man bei uns auch.»
20 Minuten nach dem Dorf passierte ich das Grotto Efra. Zur Linken erblickte einen schönen Wasserfall. Über ihn hatte ich einen Artikel in der Tageszeitung «La Regione» gelesen: Die Froda di Carded gelte als Wahrzeichen von Sonogno, sie habe Generationen von Auswanderern sozusagen als Seelenbild in die Emigration nach Italien und Amerika begleitet, so der Journalist und Buchautor Ely Riva. Er hatte eine veritable Hommage an Sonogno verfasst. Über den Redortapass stand da etwas speziell Interessantes: Dieser Pass, der den Direktverkehr zwischen den Menschen im Verzascatal und Lavizzaratal ermöglicht, war in früheren Zeiten insbesondere auch ein Hochzeits-Pass. Über ihn sind Generationen junger Männer gezogen, um auf der anderen Seite eine Frau für sich zu gewinnen.
Eine Wucht einer Aussicht
Bei Fraced wandelte sich das Strässchen zum Pfad. Kühe kamen mir von der Alp Püscen Negro entgegen, auch Alpleute. «Scendiamo», sagte mir eine junge Frau, «wir fahren nieder.» Die Hütten des kompakten Alpweilers waren wirklich alle verriegelt. Danach wurde die Sache alpin, der Aufstieg anstrengend; gleichzeitig entzückte mich die ebenmässige Pyramide des Triangolino vor mir.
Endlich war ich oben auf der Forcarella di Redorta, dem Übergang auf 2181 Metern. Was ich sah, erschlug mich fast: eine Wucht schneebedeckter Berge, von denen ich die meisten nicht identifizieren konnte: zum Teil Tessiner, zum Teil italienische, zum Teil Walliser Gipfel.
Der erste Teil des Abstiegs hatte es in sich: 700 Meter auf abschüssigem Pfad zur Alp im Pertüs-Tal, und der Gneis war an schattigen Stellen von einer hauchfeinen Eisschicht überzogen; ich war froh um die Sicherungsseile. Unten in Predee, wo mich ein Kapellchen von 1618 empfing, war ich bereits ziemlich erschöpft. Und also fand ich beim Auslaufen Richtung Prato: Wenn eine Ehe mit einer solchen Strapaze beginnt, werden Mann und Frau von Anfang an zusammengeschweisst. Keine schlechte Initiation in die Zweisamkeit, dieser Redortapass.
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.09.2009, 10:17 Uhr
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1 Kommentar
Dank der lebendigen Buchvernissage "Hoch hinauf ins Rätikon" von François Meienberg, von gestern Abend in Zürich, kenne ich nun die Dossiers im Tagesanzeiger von Thomas Widmer. Ich freue mich als Solothurner diese Dossiers online zu lesen. Dieser Beitrag zum Hochzeitspass interessiert mich besonders. Vielleicht nehme ich die eine oder andere Wanderung als Inspiration für CREnatura. Antworten

































































































































