Leben

Der Osmanenprinz von Obstalden

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 23.04.2009

Keine Zeit für Befindlichkeitsmeldungen: Am Kerenzerberg, hoch über dem Walensee, gibts viel zu erzählen. Von stinkreichen Glarner Textilbaronen, vom Steg am See oder einem osmanischen Aristokraten.

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Kirchplatz Mollis.
Thomas Widmer

   

Zur Wanderung vom Bahnhof Näfels/Mollis via Mollis und Beglingen auf den Kerenzerberg und hinab nach Mühlehorn gibt es so viel zu schreiben, dass nicht der klitzekleinste Platz für Befindlichkeitsmeldungen und Ich-Mitteilungen bleibt; den glücklich grinsenden Widmer denke sich der Leser dieser Kolumne einfach mit.

Erster Höhepunkt ist nach 20 Minuten Mollis. Beim Kirchplatz beginnt die Route links hinauf zum Kerenzerberg. Doch wir halten vorerst rechts, hinein in den Ortskern. Der halbstündige Abstecher lohnt. Mollis ist ein mit Neuzeit-Allerweltsbauten gut getarntes Freiluftmuseum des Ancien Régime, manche Dorfsträsschen sind kutscheneng, herrschaftlich dimensioniert wirken die Gärten - und dann diese Paläste! Etwa das Zwickyhaus von 1621; in ihm diente die Magd Anna Göldi, die später zu Glarus als Hexe abgeurteilt wurde, sechs Jahre. Es gab im alten Glarnerland Leute, die waren unglaublich reich, aus dem Tuchgeschäft zum Beispiel.

Später, nachdem wir vom erwähnten Kirchplatz aus die eigentliche Wanderung wieder aufgenommen haben, geraten wir am Hang erneut an ein Bijou. Das Haus Haltli, heute ein Sonderschulheim, wurde fünf Jahre vor der Französischen Revolution errichtet, sozusagen «last minute». Sein Besitzer Conrad Schindler hatte in Paris Architektur studiert und begehrte zu Hause in Mollis einen französischen Landsitz. Im Übrigen machte er sich einen Namen als Nachfolger Hans Conrad Eschers bei der Linthkorrektur.

Im Folgenden gehen wir grossteils auf dem historischen Saumweg. Der Walensee nämlich wird an dieser Stelle rechts und links von abrupten Felswänden begrenzt; in vergangenen Zeiten nahmen Reisende vom Raum Zürich Richtung Chur und umgekehrt bei gutem Wetter das Schiff; bei schlechtem Wetter gingen sie über den Kerenzerberg, damals eine beschwerliche Passroute. Der Glarner Ratsherr Fridolin Heer, der erlebt hatte, wie ein Schiff auf dem Walensee im Sturm mit Mann und Maus sank, wollte der Misere einst ein Ende bereiten. Mit dem Segen der Landsgemeinde und mit eigenem Geld liess er südseitig am See einen Steg in die Wand legen bzw. hängen. Doch 1617 wurde Heer auf seinem Weg, für dessen Benutzung er Geld verlangte, von einem herabfallenden Stein getroffen und getötet. Sein Werk zerfiel hernach und fand eigentlich erst 1964 in der Walenseestrasse und 1987 in der Autobahn tauglichen Ersatz.

Oben auf dem Kerenzerberg erreichen wir Filzbach und atmen durch: Der Britterwald roch schwer nach Bärlauch. Das Hotel Römerturm heisst so wegen der benachbarten Mauerreste einer Wachanlage aus der Zeit des Kaisers Augustus. Schon die alten Römer nahmen offenbar diesen Weg. Sicher genossen auch sie das Bergpanorama. Nach Glärnisch, Wiggis, Rautispitz, Hirzli, Federispitz und Speer sehen wir nun den Mattstock, den Leistchamm und bald die Churfirsten. Gewaltig muten auf der anderen Seeseite die Seerenbachfälle an, deren mittlerer mit 305 Metern der höchste Schweizer Wasserfall ist.

Das nächste Dorf, Obstalden, schmiegt sich um seine Kirche, in deren Innern frühgotische Malerei zu sehen ist. In einer Ecke des Kirchfriedhofs, gleich bei dem verwitterten Holzbänkli, steht ein Grabstein. Laut Inschrift ruht hier ein Paar: Rachid Osman, 1888 bis 1962, und Rosa Osman-Keller, 1908 bis 1994. Prinz Rachid war ein Abkömmling der türkischen Osmanendynastie, die von Konstantinopel aus das gleichnamige Vielvölkerreich regierte. Als mit Atatürk die moderne Türkei kam, wurde er 1923 ausgewiesen. Er landete in Filzbach, damals ein international berühmter Kurort, lernte eine Coiffeuse namens Rosa kennen, heiratete. Was für ein Wandel!

Von Obstalden gehen wir durch das romantische Mülital und der unromantischen Autobahn entlang nach Mühlehorn. Wer jetzt diese Wanderung mit Stil beschliessen will, nimmt nicht den Zug, sondern fährt, sofern der Fahrplan es möglich macht, per Schiff nach Weesen und hat wirklich viel erlebt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2009, 08:43 Uhr

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