Der Speer, ein Unfall in Zeitlupe

Vom Toggenburg hinüber nach Amden – anstrengend und schön ist der Pfad, der auf den höchsten Nagelfluhberg Europas führt. Genauso verlockend ist die Meringue, die ganz in der Nähe serviert wird.

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Von jenem Sommertag, da wir vom Toggenburg hinüber nach Amden querten, ist mir eines besonders klar in Erinnerung: Auf der Sesselbahn, die zusätzliche 400 Höhenmeter vermeiden half, indem sie uns von Krummenau hinauf zur Wolzenalp trug – auf dieser Sesselbahn vernahm ich, mit Hürzi und dessen Wanderhund Emil auf einer Bank platziert, Hornstösse. Ich drehte mich um. Myriam hatte ihr Jagdhorn, von dem sie im Zug erzählt hatte, mitgebracht und blies es nun. Die Bauern liessen das Heuen für einen Moment und schauten nach oben, wo die Musik vorbeiglitt.

Alle atmen schwer

Auf der Wolzenalp hätten wir den Barfuss-Moorweg absolvieren können. Er ist vor allem bei Familien beliebt, man versinkt bis an die Waden im schmatzenden Schwarz. Wir hatten einen anderen, vergleichsweise martialischen Plan, eben: hinüber nach Amden. Und also nahmen wir die Wanderung ohne Verzug in Angriff.

Die erste Etappe war gleich die schwerste: ungefähr in der Linie des Skilifts aufwärts Richtung dessen Bergstation. Wir atmeten alle schwer. Aber schön war das gleichzeitig: Wir gingen durch Feuchtwiesen, die Luft war frisch, Churfirsten und Goggeien begannen sich zu zeigen, wohlgeformte Berge.

Der Pfad, direkt auf die Felsbastion am Speer zuführend, wurde mit zunehmender Höhe immer abwechslungsreicher: Tobel, coupierte Wieslein, Nagelfluhbrocken, kecke Hügel; dazu Fichten, Erlen, Farne und Heidelbeersträucher. Allmählich erkannten wir auch, wie der Riegel vor uns zu meistern sein würde. Zur Linken konturierte sich das Speermürli, zur Rechten der Speer. Und wir erkannten einen kleinen Pass dazwischen. Er schenkte uns eine neue Einsicht: das Wissthurtal in seiner ganzen Länge. Wir rasteten.

Millionen Jahre Geröll

Dann zogen wir weiter und nahmen zwei weitere Felsriegel. Endlich kam der Punkt Stelli, wo der Weg zum Speer hinauf abzweigt. Wir verzichteten auf den Gipfel, zu nah lag unter uns die Bergwirtschaft von Oberkäsern. Wer allerdings noch nie auf dem Speer war, dem empfehle ich ihn dringend. Er ist Europas höchster Nagelfluhberg.

Seine Entstehung: ein Unfall in Zeitlupe. Zuerst schwemmt der Urrhein über Millionen Jahre Geröll an, das sich mit Sand zur Nagelfluh verfestigt. Dann bricht von den Bündneralpen das spätere Alpsteinmassiv ab, driftet gen Norden, prallt wuchtig auf diese Nagelfluh, schiebt sie vor sich her. Die Nagelfluh stellt sich auf, splittert, bricht, die Schichten werden übereinander geschoben. Am Speer sieht man das wunderbar.

Wir stiegen ab nach Oberkäsern. Kehrten ein, assen eine Meringue, es gibt auf der Alp nichts Besseres als frischen Nidel. Und hernach hätten wir nach Amden gern die Direttissima genommen. Bloss ist da der Mattstock. Er steht zwischen Oberkäsern und Amden, man muss ihn, zur Linken oder Rechten, halb umrunden. Wir wählten die Variante Ost, schlitterten auf einem Schneefeld nicht ungefährlich abwärts, gingen auf einem Rudimentärsträsschen zur Hinter Höhi. Weil wir beim Punkt Niederschlag die Sesselbahn hinab nach Amden erwischen wollten, die nur bis 16.45 Uhr fährt, kamen wir am Schluss dann ins Rennen.

Wir schafften es knapp. Und wenn diesmal auf der Sesselbahn Myriams Jagdhorn nicht erklang, dann wohl, weil sie wie wir alle zu müde war.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.06.2010, 12:00 Uhr)

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Infobox

Route: Wolzenalp (Bergstation der Sesselbahn von Krummenau) – Alp Schilt – Stelli (Abzweiger zum Speer) – Oberkäsern – Hinter Höhi – Niederschlag (Bergstation der Sesselbahn nach Amden).

Dauer: 5 ½ Stunden.

Höhendifferenz: ca. 800 Meter auf-, 600 abwärts.

Charakter: Weit und streng. Trittsicherheit erforderlich. Aussichtsreich und aussergewöhnlich abwechslungsreich durch die Wechselfälle der Geologie.

Höhepunkte: Die zerborstene Nagelfluh des Speermassivs. Der Blick hinab ins Wissthurtal. Die Macht des Speers.

Einkehr: Die Alpwirtschaft Oberkäsern ist in der Sommersaison immer offen.

Sesselbahnen: Die Bahn ab Krummenau ist sommers an Wochenenden in Betrieb, in der Ferienzeit täglich. Die Bahn hinab nach Amden fährt täglich bis 16.45 Uhr.

Thomas Widmer stellt jede Woche eine Wanderung vor. Neues Wanderbuch mit 52 Schweiz-Routen «Zu Fuss. Die verschwundene Seilbahn» auf www.echtzeit.ch.

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