Der Zufall führt auf den Strihen

Wegen lärmigen Rekruten und einem falschen Bus landet Thomas Widmer auf dem Strihen – und begegnete zwei Stunden lang keiner Menschenseele. Eine zufällige Wohltat.

1/11 Am Benkerjoch geht die Wanderung los.
Foto: Thomas Widmer

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An einem Samstag fuhr ich um 8 Uhr 04 in Zürich los Richtung Neuenburg. Ich wollte im Val de Travers wandern. Ein ebenso sprunghaftes wie empfindliches Gemüt, stieg ich um 8 Uhr 28 in Aarau wieder aus. Die besoffenen Rekruten in meinem Waggon, der wie der Rest des Zuges überfüllt war, hatten mich geärgert.

Am Bahnhof Aarau trank ich Kaffee. Lungerte ein wenig herum. Ging zur Post auf der anderen Strassenseite. Kaufte mir dort eine Wanderkarte. Und beschloss: Fahren wir auf die Salhöhe, dort oben ist es immer schön!

Mein Bus startete um 9 Uhr 17. Bald realisierte ich allerdings, dass ich nicht genau hingeschaut hatte: Er fuhr gar nicht zur Salhöhe, sondern aufs Benkerjoch. Das wiederum störte mich nicht, ich lasse mich gern vom Zufall chauffieren. Auf dem Pässchen, 674 Meter, stieg ich aus, konsultierte die Karte, fasste einen vorläufigen Plan: den Densbürer Strihen besteigen.

Das Fricktal, gepflegt wie ein Garten

Was verworren begonnen hatte, geriet zur Paradewanderung. Unten in Aarau war es neblig gewesen. Oben machte sich der Föhn voller Wut daran, den Dunst zu zerfetzen. Die Antennennadel der nahen Wasserflue stach schon aus dem Grau. Am Boden lag goldenes Laub. Im Übrigen, auch das fand ich toll, begegnete ich dann zwei Stunden keinem Menschen.

Der Strihen, wie gesagt, war mein erstes Ziel. Der Zusatz «Densbürer» dient dazu, diese 867 Meter hohe Erhebung vom benachbarten, 29 Meter niedrigeren Asper Strihen zu unterscheiden, den ich rechts hatte liegen lassen. Soweit zur Geografie. Auf komfortablen Waldwegen strebte ich dem Gipfel zu und stellte wieder einmal fest, dass das zu meinem Füssen sich ausbreitende Fricktal eine Landschaft ist, gepflegt wie ein Garten.

Ein Zaun versicherte oben die jähe Kalkfluh des Densbürer Strihen gegen Westen. Ich verweilte und las auf dem Wanderwegweiser, dass es sich um den «höchsten Aargauer Berg» handle. Nicht etwa um den höchsten Aargauer Punkt: Der, ergab später meine Recherche, liegt auf 908 Metern auf dem Geissfluegrat. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang aber auch der Stierenberg bei Menziken. Mit 872 Metern ist er fünf Meter höher als unser Strihen. Allerdings befindet sich fast nur sein Gipfel im Aargau, sein grosser Rest aber im Luzernischen. Wohl darum gewann der Strihen, reime ich mir zusammen: Der Stierenberg ist kein Vollaargauer.

Zum Abschluss ein stillgelegtes Eisenwerk

Ich zog hinüber zum Sendeturm. Alsbald begann der Abstieg: zuerst abschüssig auf schmalen Pfaden, dann auf breiten Wegen geriet ich in die Landwirtschaftszone und zum Waldhaus Wölflinswil. Als Ziel hatte ich unterdessen Herznach nominiert. Meine Wahl stellte sich aus zwei Gründen als interessant heraus. Zum einen geriet ich zehn Minuten vor dem Dorf an ein Informationsschild. Diesem zufolge stand ich am Rand eines 1937 eröffneten, 1967 wieder stillgelegten Eisenbergwerks. In ihm waren während der Jahre des Zweiten Weltkriegs Hunderttausende Tonnen Erz abgebaut worden; ein wichtiges Gut für die isolierte Schweiz, die es in Deutschland gegen Rohstahl tauschte.

Schliesslich Attraktion Nummer zwei. Die Kirche Herznach auf ihrem Hügel hatte ich schon vom Rebhang über dem Dorf ausgemacht. Aus der Nähe erkannte ich ihre Besonderheit: Sie war ganz von einer Mauer umschlossen. Per iPhone beschaffte ich mir ad hoc mehr Information. Dies ist eine Kirchenburg nationaler Bedeutung, die mindestens seit 1180 besteht. Erstaunlich – ich hatte bis dahin nie von der Anlage gehört. So wurde die Kirche von Herznach zum starken Abschluss einer völlig ungeplanten und gerade darum bereichernden Wanderung. Ins Val de Travers will ich heuer trotzdem noch.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2009, 13:26 Uhr

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