Die Araber von Pontresina

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 08.01.2009

Ich wanderte ins Val Roseg hinein, ein schmales, endlos langes Tal. Zwischen den sonderlich steilen, düsteren Bergflanken entsteht das Gefühl, alpiner Terra incognita zuzustreben.

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Im unteren Teil des Val Roseg, an einem verhangenen Tag.
Thomas Widmer

   

Route

Höhendifferenz: auf- und abwärts je 200 Meter.

Hotel/Restaurant: www.roseg-gletscher.ch

Pontresina wird erstmals erwähnt 1137 in einer Urkunde: «ad pontem sarisinam». Aber was bedeutet das? Zur Sarazenenbrücke? Gab es hier Sarazenen, also Araber? Im Internet findet man Leute, die nehmen die Bezeichnung als Beweis, dass die Araber im 10. Jahrhundert nicht nur die Rhone hinaufzogen, sondern über die Alpen bis ins Engadin weitermarschierten.

Wäre das wahr und wären sie geblieben, dann hiesse das Val Roseg, Thema dieser Kolumne, «Wadi-l-Rusitsch».

Vor einem Jahr wanderte ich vom Bahnhof Pontresina ins Val Roseg hinein, ein schmales, endlos langes Tal. Es war ein verhangener und gerade darum stimmungsvoller Tag, ich hatte zwischen den sonderlich steilen, düsteren Bergflanken das Gefühl, alpiner Terra incognita zuzustreben. Wobei mir die Touristiker die Expedition in den Outback doch leicht machten: Den Grossteil der hin und zurück knapp vier Stunden legte ich auf einer Spur speziell für Winterwanderer zurück, die parallel zum Strässchen, zur Langlaufloipe, zum Bach läuft.

Bald nach Wanderstart programmierte ich mich auf Autopilot: immer geradeaus und leicht aufwärts. Und dann verfiel ich in eine Art mobiles Koma, typisch für die Kategorie des vegetativen Gehens, bei dem man nicht denken muss. Immerhin rüttelte mich ab und zu ein vorbeisausender Pferdeschlitten wach; durchs Tal verkehrt, auch winters, ein «Pferdeomnibus» mit fixen Abfahrtszeiten. Irritierend, gerade in der dezent mit Föhrennadelduft parfümierten Bergwelt: Pferde stinken. Nach Schweiss und Exkrementen, auf Hunderte Meter. Wer einmal in einem Pferdestall gearbeitet hat (habe ich), der weiss um die Penetranz der betreffenden Geruchsmoleküle.

Auf meinem Weg passierte ich auch die Acla Colani. Das Steinhäuschen ist benannt nach dem legendären Jäger Gian Marchet Colani. Dieser, nebenbei Büchsenmacher, soll schon mit 19 der beste Schütze weit und breit gewesen sein, soll 2700 Gämsen und mehrere Wölfe und Bären erlegt haben. Kolportiert wird auch, er habe in seinem Revier rivalisierende Jäger niedergestreckt; doch das stimmt nicht. Von der Acla zog er jeweils los, bis er 1837 starb.

Zurück zur Route: Nach gut zwei Stunden weitete sich das Tal, ich erreichte eine Hochebene, die von weissen Gipfeln begrenzt wird, darunter der Piz Roseg, 3937 Meter hoch; man spricht ihn übrigens «Rosetsch» aus. Nun erblickte ich das Hotel, das für sein Dessertbuffet weitum gerühmt wird. Das «Roseggletscher» ist keine Schönheit, wird in einem Wanderführer korrekt als «grösserer Bau aus den 1970er-Jahren mit Bündner Elementen» bezeichnet. Es darf aber auch nicht verspielt sein, hat vielmehr mit Effizienz eine vielfältige und zahlreiche Klientel zu versorgen: Pferdeschlittenpassagiere, Wintersportler aller Art, die Hotelgäste.

Ich setzte mich ins Selbstbedienungsrestaurant, führte mir einen Fleischvogel mit einer Allerweltssauce zu, den das Migrosrestaurant in meinem Zürcher Quartier besser zubereitet, kriegte deswegen aber keine schlechte Laune, sondern ergötzte mich am Dekor der «Stüvetta Alp Misaun», wie der Raum hiess: rundum Geweihe und ausgestopfte Tiere. Allmählich begann sich nun gegen halb eins das Lokal zu füllen, und mir wurde klar, dass ich gut daran getan hatte, vor 10 Uhr unten in Pontresina losgewandert zu sein. Vor allem die Langläufer sind in diesem Tal ein mächtiger Stamm.

Um eins machte ich mich auf den Rückweg. Den nahen Wanderschluss signalisierte mir dann Pontresinas schlanker Kirchturm. Hätten die Araber das Engadin tatsächlich nachhaltig besiedelt, hätte ich eine Minarett-Nadel vor Augen gehabt. Das von Fachleuten verfasste «Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen» hat mich mittlerweile jedoch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Es verwirft die Sarazenentheorie energisch, indem es zu «ad pontem sarisinam» bemerkt, in diesem Adjektiv stecke der im ganzen Engadin geläufige Familienname «Saracenus». Dieser wiederum klinge zwar so, habe aber mit den Sarazenen gar nichts zu tun. Soweit die Experten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2009, 08:50 Uhr

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