Die Rigi, ein Berg mit Standortvorteil
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 10.02.2010
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Zur Wanderung
Winter-Rundwanderung auf der Rigi
Route: Klösterli – Schwändi – Kulm (Gipfel) – Staffel – Känzeli – Kaltbad – Klösterli.
Dauer: dreieinhalb Stunden.
Höhendifferenz: je 500 Meter auf- und abwärts.
Charakter: Wanderung auf gepfadeter, signalisierter Strecke. Im ersten Teil in unverbauter Natur, danach der Bahn entlang und durch besiedeltes Gebiet.
Höhepunkte: Das Panorama, und zwar durchgehend – vielleicht das schönste der Schweiz. Der komfortable, promenadenartige Spazierweg nach Kaltbad mit dem Tiefblick zum Vierwaldstättersee.
Einkehr: Diverse Restaurants.
Am 23. Januar um 11.13 Uhr stiess Hanspeter den Satz aus: «Ich bin glücklich!» Ich will nun nicht weiter ergründen, welche persönlichen und privaten Faktoren zu dieser Äusserung beigetragen haben mögen belassen wir es dabei, die externen Umstände zu benennen: Sonne, Glitzerschnee, rundum Berge, der Himmel blau. Und nicht mehr weit bis zur Rigi Kulm und zum Mittagessen.
Und ja, ich war auch glücklich. Es gibt, wenn man unter der Woche arbeitet und meist am Wochenende loszieht, nicht so viele Tage, an denen man das perfekte Wetter trifft. Und weil sich an diesen raren Tagen Schadenfreude und deren scheinheilige Version, Mitleid, aufdrängen, sagten wir, von der Rigi aus die graue Dunstwolke in den Niederungen betrachtend: Au! Unsere armen Freunde da unten! Die können einem leidtun!
Der Tourismusberg und seine Tücken
Freilich hatten wir uns die Euphorie erkämpfen müssen. Der Zug von Zürich, ein italienisches Modernmodell, war katastrophal voll, das WC mit einer halbverkeilten Tür ausgestattet, die Kreisch- und Quietschgeräusche von sich gab, welche einen Scheintoten geweckt hätten. Der Zug von Arth-Goldau zum Gipfel war danach ebenso überfüllt, wir mussten stehen. Das ist bei der Rigi fast immer so: Hin- und Heimreise mühsam. Dieser Tourismusberg ist fast zu erfolgreich.
Dann, halb oben, Rigi Klösterli: Aufschnaufen. Wir waren angekommen, wir stiegen aus. Und wir gingen los, ein paar Schritte das Bahntrassee entlang bergauf, dann rechts in den Hang hinab zu der Kirche, einem Bollwerk der Volksfrömmigkeit mit unzähligen Votivtafeln, deren Text mehr oder minder die eine Formel variierte: «Maria hat geholfen!» Indem wir eine Spitzkehre vollzogen, gewannen wir am Gegenhang, Richtung Schwändi, Höhe.
Dies ist auch eine Schlittelstrecke, wir liessen Vorsicht walten, andererseits war prinzipiell genug Raum für beide Kategorien Mensch, Wanderer und Rodler. Zwei kleine Mädchen schleuderte es vom Schlitten, wir halfen ihnen, ihre verstreuten Gegenstände wie Sonnenbrillen etc. einzusammeln. Die Sonne beschien uns nun bereits intensiv, brannte die Wintertristesse weg dies war die Situation, in der Hanspeter seinen Stossseufzer von sich gab.
Vom Gipfel wieder abwärts
Endlich die Rigi Kulm mit dem ganzen Panorama: eine Augenorgie. Im Selbstbedienungssektor des Hotels assen wir etwas, was ich als Okay-Kost bezeichnen würde. Wieder draussen, bekamen wir mit, wie ein Helikopter gerade eine Person abtransportierte, von der ich vermute, dass es jener Alte war, der zuvor drinnen in der Selbstbedienungsstrasse kollabiert war und um Missverständnissen vorzubeugen: Er war zusammengebrochen, bevor er gegessen hatte.
Uns selber ging es gut. Wir hielten abwärts, nach Staffel, umkurvten den Rotstock nördlicherseits, gingen einige Zeit parallel zur Bahn Richtung Vitznau, erblickten tief unten die Seebodenalp. Der Weg war glitschig, mit Schuhkrallen wäre das Stück zum Känzeli einfacher zu machen gewesen. Es ging aber letztlich auch ohne.
Alpen-Skyline
An diesem Punkt hatten wir so viele Berge gesehen wie auf drei normalen Winterwanderungen zusammen; die Rigi ist halt in der Zentralschweiz platziert, also im Mittelpunkt, das ist ihr grosser Standortvorteil. Noch einmal wurde die Route nun aber auf neue Weise schön: Zuerst waren da Findlinge, die aus dem Weiss ragten. Und nach den Restaurants, Läden, Ferienhäusern von Kaltbad wandelten wir schwerelos auf einer Promenade. Unten glitzerte der Vierwaldstättersee durch den aufgelockerten Dunst, auf der anderen Seite hatten wir eine ebenmässige Wand aus Nagelfluh, gepresstem Geschiebe der Ur-Reuss also, das tektonischer Druck einst in die Senkrechte gehoben hatte. Diese schnurgerade Komfort-Passage pries ich später beim Glühwein im Klösterli, wo alles endete, als «Catwalk der Alpen».
Thomas Widmers Wanderbücher "Zu Fuss" gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.02.2010, 15:39 Uhr




