Leben

Drei Stunden am Schwarzbergchopf

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 28.08.2009 2 Kommentare

Wie ein Damoklesschwert schwebte das unheilvolle Wetter über dem Kopf des Wanderpartners. Folglich in Rekordtempo wurde der Gipfel bestiegen – die monumentale Wanderung hätte eine ruhigere Würdigung verdient.

1/10 saasfee08-11.0908 101.jpg
Mattmark-Restaurant und -Staumauer.
Thomas Widmer

   

Interaktiv-Box

Unsere Besteigung des Schwarzbergchopfs, 2868 Meter hoch, fand unter dramatischen Umständen statt. Ich spreche nicht von irgendwelchen Widrigkeiten des Pfades. Derselbe, vom Mattmark-Stausee aus über 700 Höhenmeter auf den Gipfel führend, war zwar ruppig, aber durchgehend mit den Mitteln des Bergwanderers meisterbar: kein Pickel, kein Seil, keine Steigeisen vonnöten, gute hohe Schuhe tun es.

Mit meiner Eingangsbemerkung spiele ich auch nicht auf den 30. August 1965 an – in Bezug auf jene Katastrophe drängte sich eher das Adjektiv «tragisch» auf. Damals brach ein Stück des Allalingletschers ab. Es verschüttete 88 Arbeiter, die den Mattmark-Staudamm bauten. Im Saastal ist das Unglück bis heute unvergessen, in der Gedächtniskapelle von Zermeiggern nahe Saas Almagell hat deswegen schon so manche Kerze gebrannt.

Nein, ich hatte, indem ich zu Beginn das Wort «dramatisch» brauchte, das Wetter im Sinn. Zwar gingen ich und Peter - Kolumnenleser mit gutem Gedächtnis wissen, dass es sich um meinen Gerberkäsli-süchtigen Wanderfreund handelt - bei Sonnenschein los. Über dem Monte-Moro-Pass im Süden ballten sich aber dunkle Wolken, als wir unter der Mauerkrone des Damms aus dem Bus stiegen und das Mahnkreuz betrachteten, das an die toten Arbeiter erinnert.

Hastig wie ein irres Pferd

Auf der Mauerkrone war der drei Kilometer lange See beeindruckend - gleichzeitig rüttelten und schüttelten uns heftige Böen. Wir einigten uns darauf, vorerst auf halbe Höhe zu steigen und dort die Lage frisch zu taxieren. Auf der Schwarzbergalp, die wir erreichten, indem wir der westseitigen Seestrasse folgten und nach der Tunnelgalerie rechts in den Hang bogen, wurden wir allerdings auch nicht klüger: immer noch ein grober Wind, immer noch dunkle Wolken, die doch am Horizont zu verharren schienen.

Wir zogen weiter. Dabei zeigte sich wieder einmal eine Verhaltenseigenschaft Peters, die ich zuvor schon einige Male erlebt habe. Er reagiert, nun, nicht auf Gewitter, sondern auf das Wort «Gewitter» hysterisch. Ich warf die Gefahr eines solchen kurz auf, ganz am Rand, und Peter ging subito durch wie ein irres Pferd - er war mir ab sofort immer weit voraus und nicht mehr erreichbar. Er schien zu rennen, derweil der Stausee unter uns immer kleiner wurde. Es ist mir denn auch nicht klar, ob er überhaupt die Zeit fand, den Gewaltsanblick zur Rechten zu würdigen: Da erschaute ich den Allalingletscher, der die Katastrophe von 1965 bewirkt hatte. 150 Meter unter mir, direkt zu meinen Füssen, entströmten Wassermassen dem Gletschertor, es war ein urtümliches Brausen, das die Sinne verwirrt. Und die Gletscherspalten sahen böse aus. Beruhigend wirkte im Kontrast dazu auf der anderen Seite des Gletschers der Anblick der manierlichen Britanniahütte mit ihrer Natursteinfassade und den roten Fensterläden.

Ein zweiter Versuch geplant

Immer den Himmel im Auge behaltend - die Wolken des Unheils kamen nun doch näher -, erreichte ich den Gipfel. Peter sass schwer atmend auf einem Felsen und ass schweigend einige Gerberkäslein. Sie schienen ihn nicht wirklich zu beruhigen – bereits brach er wieder auf. Und wieder erblickte ich ihn dann nur noch von hinten, bis hinab zur Schwarzbergalp. Dort freilich sah er ein, dass er die Sache etwas ruhiger hätte angehen können. Tatsächlich begann es erst zu regnen, zu blitzen und zu donnern, als wir unten im Stauseerestaurant bereits den Apfelkuchen fertig gegessen hatten; auch Peter, der eigentlich Restaurants nicht mag und lieber abseits der Gastronomie seine Gerberdinger mampft, hatte sich einen solchen gegönnt.

Auf dem Wegweiser waren für den Schwarzbergchopf 4 Stunden, 30 Minuten angegeben. Wir haben es hin und zurück in 3 Stunden geschafft. Umso mehr verspüre ich heute den Wunsch, die Wanderung zu wiederholen. Sie ist schlicht zu monumental für Menschen, die es eilig haben – sie verdient es, dass man ihre Grösse in aller Ruhe würdigt.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2009, 10:53 Uhr

2

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

2 Kommentare

Bettina Stamm

27.08.2009, 12:16 Uhr
Melden

Vielen Dank für die tollen Wanderbeschriebe, die ich immer wieder gerne lese. Bin selber auch gerne wandernd unterwegs und deshalb froh um Ihre Anregungen und Tipps. Leider fehlen auf diesem Portal die Zeiten. Es wäre eine echte Hilfe, wenn diese in Zukunft mit dabei wären. Vielen Dank im voraus! B. Stamm Antworten


Thomas Widmer

27.08.2009, 14:29 Uhr
Melden

Frau Stamm, die Zeiten (Gehzeiten) finden Sie, wenn Sie oben am Textanfang links auf den Link "Wanderkarte" klicken! Antworten




Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.