Ein Swarovski-Wald und Globi als Zugabe
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 26.02.2009
Die Station Sihlbrugg ist ein deprimierender Startpunkt. Aber geht man nicht wandern, damit alles besser wird? Und ist in diesem Sinne nicht ein hässlicher Beginn optimal, weil man danach mit grosser Wahrscheinlichkeit zu Schönerem sich aufschwingt?
Schaudernd betrachte ich das Sihlbrugg-Ensemble: Ein totes Bahnhofgebäude. Eine auf minimale Winterleistung reduzierte, widerwillig fliessende Sihl. Eine lärmige, stark befahrene Durchgangsstrasse. Eine in der Sonnenarmut des Winkels umso mehr gedeihende, aggressiv kriechende Feuchtigkeit. Sowie ein verlottert wie das Alte Haus von Rocky Docky sich präsentierender Nachtklub. Ist er noch in Betrieb? Jedenfalls wirkt er wie von Stephen King.
Gelandet bin ich an dem Unort, weil ich an diesem Samstagmorgen keine Lust auf Bergwelt hatte, auf Schneemassen und intakte Winterlichkeit. Es ist jetzt Ende Februar, ich will subito Frühling mit Schlüsselblumen! Und ausserdem bin ich zu faul, weit zu fahren. Die Station Sihlbrugg liegt nur eine halbe Bahnstunde von Zürich entfernt.
Tatsächlich komme ich in den nächsten knapp zwei Stunden stadtnah in den Genuss einer hübschen Wanderung - die ich speziell auch Leuten mit Kindern nahelege.
Auf der Holzbrücke quere ich die Strasse des Grauens und gerate gleich in den Wald. Auf das Albishorn zu gehen und weiter zur Felsenegg, um mit der Gondel nach Adliswil niederzufahren, habe ich mir vorgenommen. Doch weil ich mich müde fühle, ändere ich sur place meinen Plan und wähle Hausen am Albis als Ziel. Das ist halb so weit.
Der Weg zieht mich alsbald in ein Zauberreich. Es hat am Vortag geregnet, über Nacht ist das Wasser gefroren. Eiszapfen zieren die Betonstufen, über die der Bach zur Rechten sich Richtung Sihl stürzt, Kristallanhängsel wie von Swarovski glitzern an den Tannenästen. Die breiten Pfade sind spiegelglatt, sodass ich Mühe habe vorwärtszukommen. Schnee liegt in mässiger Menge, es dominiert das Braun alten Laubes, eine traute und beruhigende Farbe.
Leicht keuchend bewältige ich diese erste Etappe, die meist aufwärts führt. Meine Laune steigt mit jedem Meter; die lärmige Strasse ist entschwunden und der Wald, wie gesagt, sakral. Schliesslich aber endet er. Und ich erblicke eine alte Bekannte, die Rigi. Sie kommt mir sehr nah, weil die kalte Luft ausserordentlich klar ist. Und auch das Säuliamt vor mir hat Schönheit durch die Frische der Atmosphäre. So einen Tag nenne ich in meinem Dialekt «sichtig».
Entspannt mache ich mich an den zweiten Teil der Route. Durch schönes Bauernland halte ich via den Weiler Husertal mit gepflegten alten Häusern hinüber nach Hausen, das sich durch seinen Kirchturm von weitem ankündigt. Offenheit des Geländes kennzeichnet diese Etappe, die damit schliesst, dass ich kurz vor dem Dorf eine Frau beobachte, die Kinder auf Ponys begleitet. Das hinterste Pony entwickelt Lust auf Dramatik, beginnt zu traben und wird immer schneller. Und der kleine Reiter stürzt aus dem Sattel unsanft zu Boden. Er rappelt sich aber gleich wieder auf - uff, das ging noch mal gut.
Bei der Post Hausen hat es sich ausgewandert, ich fühle mich frisch durchlüftet, gut so. Gut auch, dass von hier ein Bus direkt nach Zürich-Wiedikon fährt. Wer nun aber nicht genug hat, dem empfehle ich - in aller Kürze, denn darüber habe ich an anderer Stelle schon geschrieben - die einstündige Fortsetzung nach Kappel am Albis mit zwei Sehenswürdigkeiten: Erstens kommt er zum Zwingli-Stein, der an Zürichs Reformator erinnert; Ulrich Zwingli kam hier 1531 im Kampf gegen die Katholiken um. Und zweitens wartet in Kappel die gotische Klosterkirche. Im Gewölbebogen ihrer Stephanskapelle bewundern wir das Familienemblem der Gessler von Brunegg. Es zeigt - ernsthaft! - Globi. Draussen informiert eine Tafel, dass es Globi-Zeichner Robert Lips inspirierte. Wenn das keine Familienwanderung ist! (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.02.2009, 08:42 Uhr

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