Helft dem Leistchamm!

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 19.06.2009

Der Leistchamm fasziniert durch vollkommenen Rundblick. Zu den Höhepunkten gehört jedoch auch das silbrig in der Sonne schimmernde Flysch an der Bergflanke.

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Die Kleinbeiz auf der Alp Looch eignet sich für eine Stärkung.
Thomas Widmer

   

Das Leben ist ungerecht. Sogar zu gewissen Bergen. Wieso um alles in der Welt gehört der Leistchamm, mit dem die kilometerlange Wandflucht der Churfirsten hoch über dem Walensee ihren westlichen Anfang nimmt, nicht zu ebendiesen Churfirsten?

Vermutlich, weil sieben eine Symbolzahl ist: Wie es einst sieben Kurfürsten waren, müssen es sieben Churfirsten sein. Mit dem Leistchamm wären es acht.

Es existieren aber, habe ich gelesen, abweichende Zählweisen: Manche gehen davon aus, dass es sechs Churfirsten gibt, weil Chäserrugg und Hinterrugg eigentlich ein Berg sind. Andere wiederum postulieren dreizehn Churfirsten, und der Leistchamm gehört dazu.

Verdient hätte er es, denke ich, als wir in Amden-Arvenbüel aus dem Bus steigen. Vor uns ragt unser Wanderziel empor. Genauer: Es zackt als gekippte Kalkplatte in aggressivem Winkel zum Himmel wie eine Flaschenscherbe. Der Leistchamm, 2101 Meter hoch, ist in seiner Militanz gewiss ein gleichwertiger Berg zu den sieben offiziellen Churfirsten.

Der Weg zu ihm führt zunächst auf einem Strässchen, dann auf gutem Wanderpfad zur Alp Looch. Auf der Terrasse der Kleinbeiz stärke man sich: Das strengste Stück steht noch aus.

Zweites Zwischenziel ist hernach die kleine Passhöhe First. Hier oben auf dem Kamm erblicken wir auf einen Schlag das Toggenburg. Noch imposanter ist, was sich in der Nähe zeigt: An der Flanke des Leistchamms ist Flysch zu sehen. Silbrig schimmert er, ein weiches Gestein aus Sand und Ton, in der Sonne und präsentiert sich, weil bei der Alpenfaltung unter Druck komprimiert, wie ein Stück gewellten, schweren Tuches. Dies ist notabene ein Geotop nationaler Bedeutung.

Nun kommt die sportive, die Schlüsseletappe: 400 Meter steil aufwärts im Zickzack. Und der feuchte Kalk ist glitschig. Endlich ist es doch geschafft. Wir sind auf dem Leistchamm. Der Rundblick ist vollkommen, 360 Grad. Der Tiefblick freilich: nicht jedermanns Sache. Abrupt bricht der Leistchamm nach Süden, zum Walensee hin, ab. 1700 Meter beträgt die Höhendifferenz.

Mit anderen Worten: Hätten wir einen Fallschirm, so könnten wir über die Kante springen und würden in Quinten landen, das direkt unter uns liegt. Und: Wer mit Kindern gekommen ist, muss sie beaufsichtigen.

A propos Kinder: Vielleicht haben sie am nächsten Ziel noch mehr Freude als am Leistchamm. Wenn jener ein richtiger Berg ist, dann ist der Flügenspitz, den wir nach dem Abstieg zur First-Höhe in 15 Minuten erreichen, ein Berglein. Eine Miniaturerhebung, ein Güpfli, ein herziges Dingelchen. Swiss miniature. Der Witz nach dem Ernst. Interessant, wie auf seiner Ostseite die Erosion kiesige Rutschhänge bewirkt.

Später, zur Vorder Höhi hin, wird alles mild und grün und voralpin; einzig die Spitzen der nahen Goggeien vermitteln noch Bergstimmung. Ansonsten: Blumenwiesen, an manchen Orten auch in der sumpfigen Variante, und Wald. Hielten wir hinab ins Toggenburg, so kämen wir übrigens bald zu einem Punkt namens «Arsch». Aber erstens haben wir uns am Morgen eine Rundwanderung vorgenommen. Und zweitens ist der Kalauer, dass wir ebendort gewesen sind, den Abstecher zu besagtem Punkt nicht wert.

Via Altschen – Wirtschaft Nummer zwei – gelangen wir zum Arvenbüel zurück und können gleich ein drittes Mal einkehren, bevor wir den Bus retour zum Bahnhof Ziegelbrücke nehmen. Vor der Abfahrt fassen wir noch einmal den Leistchamm ins Auge. Das war eine stolze Tagesleistung. Sur place nehmen wir uns vor, diesem ausgegrenzten Berg zu seinem Recht zu verhelfen, indem wir eine Petition lancieren unter dem Titel: «Für die offizielle Ernennung des Leistchamms zum achten Churfirsten». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2009, 08:21 Uhr

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