Leben

Lenin und die Kirche des Teufels

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 31.07.2009 1 Kommentar

Der «Tüfels-Chilen» ist ein absolutes Highlight auf einer Tösstal-Wanderung. Doch auch das fruchtbare Land um den „Garten“ lockt das Wanderherz – auch wenn der Wanderpartner andere Interessen als man selbst verfolgt.

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Wanderstart im Tösstal bei der Station Rämismühle-Zell.
Thomas Widmer

   

An der Konferenz der Internationalen Sozialisten in Kiental 1916 sei Lenin garantiert zu beschäftigt gewesen, um die schöne Berner Oberländer Landschaft zu würdigen: So schnödete ich vor vier Wochen in dieser Kolumne, als ich eine Route in ebendiesem Kiental vorschlug.

Das war unbedacht von mir. Dahergeflapst. Und da die Gesamtheit der Leser schlauer ist als ein einzelner Journalist, ging mir bald ein netter Brief des Zürcher Publizisten und Schriftstellers Franz Rueb zu. Als Wanderer lese er meine Berichte stets mit Freude, teilte er mit und verbesserte mich dann bezüglich Lenin.

Nämlich: Dieser sei in seiner Zeit in der Schweiz keineswegs ein Stubenhocker gewesen.

Im Gegenteil, stellt Herr Rueb klar: Mit seiner Krupskaja wanderte Lenin ausgiebig, genoss die Bergwelt, berichtete davon in seinen Briefen. Ein grosser Pilze- und Beerensammler war er auch. Und am Tag nach der Konferenz bestieg er von Sörenberg aus das Brienzer Rothorn.

Gerberkäsleinsucht

Uff, ich habe gefehlt! Soweit meine Selbstkritik. Und damit auf zu einer neuen Route, einer im Tösstal! Ich absolvierte sie mit Peter, einem genügsamen Freund, dessen einziger Makel eine Gerberkäsleinsucht ist. Stapelweise hortet er die runden Schachteln zu Hause und will unterwegs alle 20 Minuten anhalten, um ein, zwei Käslein zu mampfen. Dafür mag er nicht einkehren.

Nun, für einmal gelang es mir diesmal doch, Peter zur Einkehr zu überreden. Er trank in der Linde Oberlangenhard aber nur einen Kaffee, während ich einem «Lindenteller» mit Fleisch zusprach. Auch linste er permanent auf die Uhr und rief «zahlen!», als ich längst nicht die letzte Schinkentranche aufgegabelt hatte.

Gelegentliche Exzesse der Wildheit

Gestartet waren wir zwei Stunden zuvor bei der Bahnstation Rämismühle-Zell. Wir hielten hinüber ins Dorf Zell, das einen schmucken Kern hat. Und eine alte Kirche an jenem Ort, wo schon in spätrömischer Zeit eine Villa stand. Gleich nach dem Dorf tauchten wir in den Wald des Gartentobels, das ein guter Pfad erschliesst. Den braucht es auch: Generell verhält es sich mit den Tobeln des Zürcher Oberlandes nämlich so wie mit jenen jungen, bestickte Seidenkittel tragenden Chinadamen in Kungfu-Filmen: Sie wirken manierlich, können aber sehr militant werden.

Die Zeichen gelegentlicher Exzesse der Wildheit sahen wir auch im Gartentobel: bedrohlich erodierende Nagelfluhwände, umgestürzte Bäume, Geschiebehaufen links und rechts des Baches. An unserem Tag freilich war alles lieblich bis zum Zeller Giessen, jenem Wasserfall, der das Tobel abschliesst.

Hernach stiegen wir via den Weiler Garten zum Kretenpunkt 743 auf, zogen über den Waldkamm und hinab nach Oberlangenhard, verweilten dort in der Gartenwirtschaft der erwähnten Linde. Auf der letzten Wegetappe Richtung Bahnhof Kollbrunn durchquerten wir noch einmal ein Tobel: das des Bäntalbaches.

Im Bann der Tuffsteinablagerung

Und erneut kamen wir zu einer Sehenswürdigkeit; «Tüfels-Chilen» heisst die vermooste 60-Meter-Steilhalde, die en miniature so intensiv terrassiert ist wie ein nepalesischer Landwirtschaftshang. Dies ist die grösste Tuffsteinablagerung im Kanton Zürich. Und wenn ich die Geologen richtig verstehe, bildete sich im Laufe dieses Ablagerungsvorganges sogar eine Grotte. Sie wurde allerdings zerstört, als man den Tuffstein abzubauen begann, der als Baumaterial unter anderem die Stadtkirche Winterthur alimentierte.

Interessant. Natürlich rasteten wir hier. Dass Peter wieder ein Gerberchäsli zu sich nahm, versteht sich von selber. Und um die Sache mit dem Wanderer Lenin noch einmal aufzunehmen: Wenn er hier vorbeigekommen wäre, was hätte er wohl zum Wort «Tüfels-Chilen» gesagt? Hätte er geschmunzelt oder sich geärgert über die religiöse Namensprägung? Ich werde mich hüten, unqualifiziert etwas zu behaupten.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2009, 14:13 Uhr

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1 Kommentar

Daniela Lehmann

02.07.2009, 15:27 Uhr
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Lieber Herr Widmer Vielen Dank für die sehr schöne Beschreibung der Wanderung in meiner Heimatgemeinde! Ich freue mich immer, wenn sie über unser wunderbar natürliches Tösstal schreiben, das urchige Naherholungsgebiet. Ich kann ihre Begeisterung für das Restaurant Linde absolut begreifen. Zell hat seinen Namen übrigens von der Mönchszelle eines Wandermönchs "Cella" Auf Wiedersehen im Tösstal Antworten




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