Leben

Lottis Liebe zum Chasseral

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 23.10.2008

Sechs Bieler und fünf «Ostschweizer» erklimmen den höchsten Berg des Berner Juras. Hochprozentiger Enzianschnaps und grosse Aussicht zeigen: Der Chasseral macht glücklich.

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Treppenpassage im unteren Teil der Combe Grède.
Thomas Widmer

   

Einkehr

Métairie de l'Ile. Do Ruhetag. Offen bis und mit 2. Nov. 032 751 27 33. Das Chasseral-Hotel schliesst, je nach Wetter, gleichzeitig mit der Strasse. 032 751 24 51.

Zuerst etwas Namedropping. In meinem Wandertrüppchen «Fähnlein Fieselschweif» – Donald-Duck-Kenner verstehen den Namen – tut meine alte «Facts»-Kollegin Catherine Duttweiler mit. Irgendwo im Gebirge, vor Monaten, erzählte mir Catherine, die mittlerweile Chefredaktorin des «Bieler Tagblatts» ist, dass es bei ihrer Zeitung ein Pendant zu mir gebe namens Lotti Teuscher. Lotti schreibe regelmässig übers Wandern. Im Übrigen gelte Lottis besondere Liebe dem Chasseral. Diese fitteste und frischeste Grossmutter aller Zeiten habe an jenem weiten Berg jeden auch noch so abseitigen Winkel durchstreift.

Catherine und ich waren uns dann einig: Lotti muss das Fähnlein auf den Chasseral führen! Wozu es am Samstag vor anderthalb Wochen auch gekommen ist.

Wir treffen uns in Biel. Lottis Delegation umfasst samt ihr sechs Leute. Wir «Ostschweizer», wie sie uns lustigerweise nennt, sind fünf. Zählt aber auch Emil, der Jack-Russell-Terrier meines Fähnleinfreundes Hürzi, ist das Verhältnis exakt ausgeglichen. Emil, nebenbei, hat sich am Vorabend bei einem Festessen in Basel in einem Moment der Gier ein Schweinsfilet von einem Teller geschnappt, wirkt aber keineswegs schuldbewusst, sondern sehr unbeschwert.

Im Zug fährt die ganze Gesellschaft Richtung La Chaux-de-Fonds bis Villeret. Hier beginnt die Expedition unter Lottis Kommando. Zuerst gilt es auf 400 Höhenmetern die Combe Grède zu durchqueren, einen Juracanyon: himmelhohe Wände, von Geröll übersäter Boden, ein opulent sich schlängelnder Steilpfad. Man fühlt sich in dem vom Steinschlag gefährdeten Kalkschlitz wie in Afghanistan. An drei Orten sind Leitern installiert, Emil wird von Hürzi fachmännisch getragen und geniesst es.

Endlich der Schluchtausgang bei Pré aux auges. Lotti rät, vom Quellwasser zu kosten, das beim Rastplatz in einer Röhre gefasst ist; es sei wunderbar weich. Stimmt. Gleichzeitig holt sie harten Stoff hervor: 42-prozentigen «Jänzenen», Selbstgebrannten aus der Wurzel des gelben Enzians. Danach wandern wir in einer Schnapswolke. Bald kommen wir an einem uralten Bergahorn vorbei. Lotti erklimmt ihn, wir andern passen. Der Chasseral, 1607 Meter, steht jetzt direkt vor uns. Doch wir holen zu einer Rechtsschleife aus, ziehen vorbei an der Métairie de Frienisberg Richtung Métairie de l'Ile.

Es sind verschlungene Pfade, über die Lotti uns leitet, ausgeschildert ist diese mysteriöse Métairie de l'Ile nicht. Den Weg zu ihr werde ich dem Leser nicht wirklich erklären können, so rein theoretisch, schwant mir; doch tröste ich mich, dass unser Zwischenziel ja auf der Kümmerly+Frey-Wanderkarte 1:60'000 («Berner Jura/Seeland») eingezeichnet ist. Es stellt sich als Bauernbeiz heraus, genau das bedeutet «Métairie». Wir setzen uns draussen an einen der langen Tische, bestellen Rösti, Beinschinken, kalte Fleischteller, Salat, es kommt währschafte, gute Ware. Und wir freuen uns an der Ruhe. Lotti hat sich etwas überlegt, als sie uns hierher lotste. Das Chasseral-Hotel, das wir eine Stunde später erreichen, wimmelt von Töfffahrern und Autotouristen, es ist ein Irrenhaus (mit Selbstbedienung).

Auf dem Chasseralkamm ist die Aussicht gross: Wir sehen alles. Eigernordwand. Bielersee. Mont Sujet. Das Plateau de Diesse. Mont Soleil und Mont Crosin. Lotti erklärt uns, was wir nicht kennen. Und sie erzählt von Menschen und Orten am, wie ihn die Bieler nennen, «Chasse». So kennt sie eine Höhle, in der es auch im Hochsommer Eis hat, weil der Durchzug stark kühlt. Für einen Besuch ist keine Zeit, wir Zürcher müssen heim. Vom Gipfel stechen wir steil hinunter nach Nods, besteigen den Bus nach Prêles, nehmen dort das Standseilbähnli hinab nach Ligerz und dann den Zug nach Biel.

Lustig, das Funiculaire von Prêles: Es hat rosa getönte Scheiben. La vie en rose: Das gilt für den ganzen Tag und die fünfeinhalb Gehstunden. Lotti sagt es so: «Der Chasseral ist einfach ein Berg, der glücklich macht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2008, 16:45 Uhr


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