Mit Schneeschuhen und einem fremden Hund

Thomas Widmer wandert im Schnee auf den Mont Soleil. Plötzlich hört er ein wiedernatürliches Surren. Da ist er ganz froh, dass er einen grossen, zottigen Hund an seiner Seite hat.

1/9 Selbstporträt des Kolumnisten auf Schneeschuhen.
Foto: Thomas Widmer

Stichworte

Die Eckdaten

Route: Mont Crosin (Bus ab St-Imier) – Restaurant Vert-Bois .- Les Eoliennes – Schneeschupfad mit Signalisation – Mont Soleil, Bergstation Funiculaire (nach St-Imier).

Dauer: zweieinhalb Stunden.

Höhendifferenz: nur einige leichte Aufs und Abs.

Charakter: im ersten Teil zivilisationsnah, ab den Eoliennes (Windräder) einsam durch eine typische Juralandschaft mit tannenbestandenen Weiden und Wald.

Höhepunkte: Die Winterstille.

Einkehr: Beim Restaurant Vert-Bois und in St-Imier.

Variante:
Umgekehrt gehen. Dann kann man am Schluss im „Vert-Bois“ einkehren und auf den Bus warten (Mo, Di Ruhetag).

Vor einem Jahr reiste ich am 31. Januar frühmorgens nach St-Imier und freute mich auf den Abend: Ich war von Catherine Duttweiler, einer früheren Redaktionskollegin, heute «Bieler Tagblatt»-Chefredaktorin und eine Freundin, zum Treberwurstessen eingeladen. Es wurde ein tolles Erlebnis: In Biel war unglaublich viel Volk auf dem Perron, die halbe Stadt fuhr zu Wein und Wurst. Wir selber wurden von der Familie Teutsch im Gewölbekeller des Rebgutes Schlössli zu Schafis wunderbar verköstigt, kauften ein paar gute Flaschen, es war toll.

Doch das ist eine andere Geschichte. Bevor ich völlerte, wanderte ich. Allerdings begann ich den Schneeschuhtrip vom Mont Crosin zum Mont Soleil, eine offizielle Route, mit einem Fehler: Ich wusste im Bus von St-Imier zum Crosin hinauf nicht, wo aussteigen, und fuhr eine Haltestelle zu weit. Das wäre kein Problem gewesen, wenn nicht der Biswind geblasen hätte; der Tag war grausam kalt, die Äste der Tannen trugen Eisbärte. Ich fühlte mich wie in einer Tiefkühltruhe, während ich mir schlotternd die Schneeschuhe anschnallte. Wäre ich schon beim Restaurant Vert-Bois ausgestiegen, hätte ich einen Kaffee trinken und aus der Wärme starten können.

Ich holte das nach; ich stieg am Rand einer breiten Spur in einer Viertelstunde hinab zum Restaurant. Und nach der Einkehr folgte ich auf einem «Sentier Découverte» den Wegweisern Richtung «Eoliennes». Auf dem Strässchen brauche ich die Schneeschuhe nicht, es war zwar vereist, ansonsten aber normal begehbar. Schön, dass mir bald von einem der umliegenden Höfe ein Hund zulief, ein liebes Wesen, braun, zottig, gross, mit weissen Pfoten. Er blieb die längste Zeit der Wanderung bei mir, ich sprach zu ihm, er hechelte aufmerksam retour, wir waren ein inniges und stimmiges Gespann.

Ein kurzer Sonnenschein auf dem Mont Soleil

Froh war ich um den Hund auch, weil ich im Nebel bald ein unheimliches Geräusch vernahm: ein über- oder auch widernatürliches Schwingen und Surren. Erst ganz aus der Nähe stellte ich fest, dass es die Windräder waren. Auf dem Mont Crosin wird daraus Energie erzeugt. Hingegen ist der Mont Soleil berühmt für sein Solarkraftwerk. Ich erreichte diesen benachbarten Rücken auf einer nunmehr einsamen Route durch tiefen Schnee, stellenweise auch durch Wald. Pfosten mit einem rosaroten Schneeschuh-Signet wiesen mir zuverlässig den Weg.

Auf dem Mont Soleil hellte sich – nomen est omen – der Himmel kurz auf, und die Sonne zeigte sich, freilich nur als flüchtige Skizze ihrer selbst, als kraftlose, matte Scheibe. Ich machte Pause, zog mein iPhone hervor und tat, was ich an neuen Wanderpunkten gewohnheitsmässig tue: Ich informierte mich über meine Umgebung. Ich erfuhr einiges. Zum Beispiel, dass hier oben eine der grössen photovoltaischen Anlagen Europas steht, die grösste der Schweiz. Der Berg aber trägt die Sonne in seinem Namen schon viel länger, er hiess schon vor Jahrhunderten so, wie er heute heisst.

Auf dem Abstieg zur Standseilbahn hinab nach St-Imier musste ich dann Abschied nehmen von meinem Gefährten. Es geschah auf einem Parkplatz. Ein junges Paar holte gerade die Langlaufski aus dem Kofferraum. «Gehört der Hund Ihnen?», fragten mich die zwei auf Französisch. Ich verneinte und ging weiter. Der Hund blieb. Als ich mich zwei Minuten später umdrehte, sah ich ihn ein letztes Mal. Freudig mit dem Schwanz wedelnd, rannte er hinter seinen neuen Freunden die Loipe hinauf. Es war gut so. Zum grossen Treberwurstschmaus hätte ich ihn nicht mitnehmen können.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2010, 10:26 Uhr

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