Mit einem Dichter auf Wanderschaft
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 22.10.2009
Kürzlich las ich das Editorial des dem «Tages-Anzeiger» beigelegten «Magazins». Der Verfasser beklagte die Tabuisierung des EU-Themas und den Antiintellektualismus im Land. Er fügte an, es würden die verhöhnt, die «das politische Geschehen nicht immer nur aus der gemütlichen Wandersockenperspektive kommentieren wollen».
Just zur gleichen Zeit verschlang ich ein 800-Seiten-Wanderbuch in zwei Teilen: «Die Zeit der Gaben» sowie «Zwischen Wäldern und Wasser», erschienen bei Dörlemann. Der Autor, Patrick Leigh Fermor, nach dem Zweiten Weltkrieg ein gefeierter Reiseschriftsteller, wurde 1944 durch eine militärische Tat berühmt. Als britischer Agent auf Kreta nahm er den deutschen General Kreipe gefangen – eine Stosstrupp-Aktion wie im Kino.
1933 ist Leigh Fermor noch ein ganz unsoldatischer ranker 18-Jähriger in London. Wegen einer amourösen Eskapade hat man ihn der Schule verwiesen. Er beschliesst, nach Istanbul zu wandern. Es wird ein monumentales Unternehmen, und das Buch dazu eine grosse Lektüre: Leigh Fermor ist ein Besessener des Wissens und der Bildung. Er besucht jede Kirche am Weg, rezitiert beim Gehen Horaz, philosophiert über die Völkerwanderung und skizziert eine Theorie der Landschaftsmalerei. Ein Kostverächter ist er aber auch nicht, er flirtet mit jedem Zigeunermädchen und sagt keinem Schlossherrn ab, wenn der zum Hirschbraten lädt. Jugend, Intellekt, Lebensfreude bilden ein wunderbares Amalgam, und nirgendwo habe ich ein feineres Porträt des bald darauf im Krieg untergegangenen alten Mitteleuropa gelesen. Es fehlen natürlich auch nicht die Nazis. In München sieht Leigh Fermor vor einem Denkmal zwei SS-Wachen: «Der rechte Arm jedes Passanten schoss in die Höhe, als hätte er einen Stromstoss erhalten.»
Der Bach spielt den Romantiker
Wenn das die Wandersockenperspektive ist, wenn Wanderer derart wache Zeitgenossen sein können, dann bin ich stolz, ein Wanderer zu sein. Und damit zur Wanderung der Woche. Wir starten in Braunwald, dem Glarner Höhenort, erreichbar per Standseilbahn von Linthal. Anhand des Wegweisers visieren wir das eine Gehstunde entfernte, etwa gleich hohe Nussbüel an. Dort können wir uns dann, übrigens auch winters, in der Bauernwirtschaft mit hausgemachtem Gugelhopf stärken.
Jetzt wird die Sache gröber. Falls jemand im Gelände Horaz zu rezitieren pflegt, müsste er innehalten. Der Pfad hinab zum Urnerboden führt zuerst ein wenig aufwärts, durch den Wald, alsbald ist da eine Passage mit Sicherungsseilen. Wirklich gefährlich ist sie nicht, aber man sei vorsichtig!
Bald beruhigt sich das Gelände, ein Alpsträsschen erscheint, weit vorn erblicken wir den Urnerboden. Die Riesenfläche ist ein Augenschmaus durch ihr Ebenmass. Und wie der Name es sagt, gehört das kilometerlange Hochtal an der Klausenstrasse kurioserweise nicht zum Kanton Glarus, auf dessen Seite des Passes es liegt. Sondern, eben, das ist Uri. Unser Ziel ist das Zentrum des Urnerbodens, das Dörfli, ein Weiler mit Kirche. Der Weg dorthin lohnt sich. Der wilde Fätschbach spielt auf diesem Abschnitt nämlich den Romantiker. Röhricht ist dabei seine wichtigste Requisite.
Ein Buch zur Nacht
Wichtig ist nun noch dies: Der Bus vom Dörfli nach Linthal fährt nachmittags um 15.30 Uhr. Aber nur, wenn wir ihn (079 609 12 71) geordert haben. Allerdings könnten wir auch für die Nacht im Gasthaus Urnerboden absteigen. Dort würden wir dann ein Buch hervorholen, Leigh Fermor zum Beispiel, und in aller Konzentration lesen. Wie wir Wanderer es hin und wieder gern tun.
Das Nussbüel hat bis Anfang November offen, schliesst dann bis Weihnachten. Das Gasthaus Urnerboden hat Betriebsferien vom 26.10. bis 20.11. Beide findet man im Internet.
Gehzeit: 3 Stunden, 30 Minuten. Gut 150 Meter ab-, 200 aufwärts. Das Nussbüel hat bis Anfang November offen, schliesst dann bis Weihnachten. Das Gasthaus Urnerboden hat Betriebsferien vom 26.10. bis 20.11. Beide findet man im Internet.
TA-Redaktor Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Wanderung vor. Seine Bücher gibt es im Echtzeit-Verlag.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.10.2009, 10:21 Uhr

































































































































