Leben

Vom Mittelpunkt der Schweiz und von einer Fata Morgana

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 31.07.2009 2 Kommentare

Sechs Stunden Abwechslung: Eine Wanderung von der Stöckalp aus in die Natur Obwaldens und Berns führt zum Mittelpunkt der Schweiz und bietet herrliche Eindrücke. Unerlässlich für vollkommenes Wandern ist jedoch die Gesellschaft guter Wanderfreunde.

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Die Stöckalp ist Wintersportgebiet.
Thomas Widmer

   

Kürzlich klingelte auf der Redaktion mein Telefon. Liebenswert schwäbelnd eröffnete mir Frau S. aus Waldshut, eine Leserin, dass sie meine Wanderkolumnen liebe und ja, sie käme jetzt gern auch einmal mit! Ob wohl ein Platz frei sei in meiner Gruppe, und ob sie noch jemanden mitbringen dürfte.

Oh weh! Ich musste Frau S. beibringen, dass das in meinen Kolumnen öfter vorkommende Wandergrüpplein «Fähnlein Fieselschweif» Privatsache ist. Ich gehe mit Freunden wandern exakt das ist der Clou an der Sache.

Was ich damit meine: Landschaft und Freundschaft in Kombination, das ist das Grosse am Wandern. Bilden Sie Ihre eigene Wandergruppe, Frau S.! Sie brauchen mich nicht, um dort draussen Spass zu haben. Sie brauchen allenfalls meine Kolumne, die sich, indem sie Routen-Ideen liefert, als Hilfe zur Selbsthilfe versteht.

Wandertipp Melchtal

Wie wärs zum Beispiel mit der folgenden Route, Frau S.? Bei sechs Gehstunden ist sie anstrengend, aber auch abwechslungsreich. Wir gingen sie letztes Jahr im August. Startpunkt ist die Stöckalp zuhinterst im Melchtal, Kanton Obwalden, die man von Sarnen aus per Bus erreicht.

Nah der Stöckalp sahen wir eine seltsam unansehnliche Gebäudeballung, die mit «Sport-Camp» angeschrieben war. Oha, sinnierte ich, unterhalten die US-Marines hier ein Trainingslager für alpine Einsätze? Oder hat man für die Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm das Gefängnis zu Guantánamo nachgebaut?

Natürlich nicht. Zu Hause fand ich später im Internet: Dies war im Zweiten Weltkrieg ein Militärspital mit 35 Baracken und rund 1000 Betten. Seit fünf Jahren gehört die Anlage aber nicht mehr dem VBS, sondern der Korporationsgemeinde Kerns, die sie eben als Sportcamp nutzt.

So viel zum Melchtal und nur dies noch dazu: Einer der mythischen drei Gründerväter der Eidgenossenschaft stammt aus diesem Winkel, Arnold von Melchtal.

Geografischer Mittelpunkt der Schweiz

Dies bedacht, verabschiedeten wir uns von der Stöckalp. Wir taten das wesentlich einfallsreicher als jene Leute, die die Gondelbahn hinauf nach Melchsee-Frutt nahmen. Unsereins stach rechts in die Wand. Fast eine Stunde dauerte die erste Etappe und führte durch einen einsamen Steilwald mit Felsen. Schmal war der Pfad, war stellenweise mit Treppchen, Seilen, Handläufen ausgestattet, war abenteuerlich und doch ungefährlich. Schliesslich erreichten wir Stepfen, eine Alp, und zogen den Einschnitt des wilden Gebirgsbaches entlang hinauf zur Bachegg.

Dort erschien uns im Westen ein neues Bergpanorama. Und wir sahen hinab zur Aelggialp, einem weiten, flachen Boden. Wem der Name in den Ohren klingelt: Jawohl, auf der Aelggialp befindet sich der geografische Mittelpunkt der Schweiz. Zeichnete man die Umrisse unseres Landes auf einen Karton, schnitte das Gebilde aus und suchte es auf einer Nadel auszubalancieren, müsste man diese Nadel bei der Aelggialp einstechen.

Berauschende Alpenkulisse

Und heuer, 2009, war die Aelggialp gar in den Schlagzeilen: Das Dach der Triangulationspyramide, die besagten Schwerpunkt markiert, wurde von den Béliers zwischenzeitlich in den Jura entführt. Es ist aber mittlerweile wieder an seinem Platz.

Zurück zur Wanderung: Durch das Sachsler, dann das Lungerer Seefeld kamen wir recht komfortabel vorwärts und erblickten bald vor uns einen kleinen Pass, das Fruttli. Es schien nah. Doch da war eine Senke. Wir mussten fast 300 Meter absteigen. Und hernach via Rainhütte wieder aufsteigen. Als wir das Fruttli, diese Fast-Fata-Morgana, endlich doch erkämpft hatten, wurde uns dafür erneut ein Panorama geschenkt: Auf einen Schlag tauchte die berühmte Berner Oberländer Alpenkulisse auf. So berauschend war dies, dass hernach der Weg hinab zur Käserstatt von ihr fährt eine Gondel hinab nach Hasliberg-Wasserwendi bloss noch ein Auslaufen war.

Eine herrliche Wanderung. Liebe Frau S., trauen Sie sich!

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2009, 14:13 Uhr

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2 Kommentare

Andrea Tonella

09.07.2009, 10:35 Uhr
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Lese ihre Wandertipps stets mit grossem Interesse. Heute freut mich ihr Hinweis bezüglich der Zusammenstellung von Wandergruppen, weil wir es ebenso halten. Wir 4 -6 Freunden müssen dadurch weder ÖV noch Gaststätten reservieren, sind in der Planung wie Durchführung (Wetterumschlag, Müdigkeit nach mehr als 5 Stunden) frei. Camp gehört vermutlich der Korporationsgemeinde KERNS und nicht Kriens! Antworten


Thomas Widmer

10.07.2009, 08:42 Uhr
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DER KOLUMNIST: Vielen Dank, Andrea Tonella! Und ja, richtig, Kerns, nicht Kriens! Thomas Widmer. Antworten




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