Von Rittern, Rösselern und einer famosen Dartbeiz

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 17.03.2010

Der Kradolfer Ruinenweg bietet eine abwechslungsreiche Wanderroute über Hügel und durch Tobel, vorbei an Modelleisenbahnen, Tanzlokalen und natürlich Burgruinen.

1/10 Wanderbeginn: auf der Brücke über die Thur, hinten der Säntis.
Bild: Thomas Widmer

   

Stichworte

Der Ruinenweg von Kradolf (TG)

Route: Bahnhof Kradolf – Ruine Last – Ruine Heubärg – Neukirch an der Thur – Hindermüli – Ruine Anwil – Buhwil Oberdorf – Bahnhof Kradolf.

Dauer: drei Stunden, 30 Minuten. Es gibt daneben kleinere Varianten. Flyer bei der Gemeindeverwaltung, 071 644 90 30, oder auf www.kradolf-schoenenberg.ch.

Charakter: kleine coupierte Strecken zu den Ruinen, dazwischen Töbel (Vorsicht bei vereisten Stellen). Das Ganze in einer weiten Landschaft mit viel Sicht – eine abwechslungsreiche Wanderung.

Höhepunkte: Die Ruinen auf ihren Spitzhügeln. Der Blick zum Alpstein. Die Riegelbauten.

Einkehr: „Sonne“ in Neukirch, rustikales Lokal. Und am Ende beim Bahnhof Kradolf die „Dart- & Steak-Beiz“.

Modelleisenbahnen: www.lgb-neule.ch.

Tanzlokal: www.kleinrigi.ch.

Letztes Wochenende war ich nicht wandern. Stattdessen ging ich ins Büro. Ich korrigierte, ich schluss-redigierte, ich schrieb Vorwort, Klappentexte und dergleichen: der Finish zu meinem dritten Wanderbuch mit wieder 52 Kolumnen durchs Jahr und den Swisstopo-Karten dazu. «Zu Fuss. Die verschwundene Seilbahn» erscheint um Ostern im Echtzeit-Verlag, ich freue mich sehr.

Und damit zu einer Wanderung, die wir im Dezember machten: dem Kradolfer Ruinenweg. Sie ist nun wieder möglich, wenn man nur in den Tobeln ein wenig vorsichtig ist an Stellen, die glitschig oder vereist sind.

Am Anfang der Unternehmung stand die Frage: Kradolf? Wo liegt Kradolf?

Nun, vor allem liegt es wunderbar. Kradolf-Schönenberg im Bezirk Bischofszell des Kantons Thurgau ist eine Gemeinde der verstreuten, verträumten Riegelbauten-Weiler. Die Thur weitet sich zu majestätischer Breite. Am Horizont protzt der Alpstein. Und überall hat es kecke Kleinst-Hügel. Das mag erklären, wieso sich die Ritter so zahlreich einnisteten. Diese Landschaft ist schlicht ideal für den Burgenbau. Genau darum gibt es heute einen Ruinenweg.

Beim Bahnhof Kradolf starteten wir, überquerten auf der überkandidelten Modernstbrücke die Thur. Und schon kam die erste Attraktion: Ein Garten mit einer riesigen Modelleisenbahn-Anlage, die den Fachladen «Neule Grossbahn» anzeigt. Den Besuch der Firmen-Homepage empfehle ich wärmstens. «Neu eingetroffen: RhB Triebwagen ABe 4/4 Nr. 33 grün 1./2. Klasse», steht da zu lesen. Nirgendwo gibt es soviel Enthusiasmus und Lebenssinn wie im Universum der Modelleisenbähnler.

Das Tanzlokal auf dem Gupf

Ein Gupf wurde nun vor uns dominant. Auf ihm sitzt ein Phantasieschlösschen mit einem schmückenden Phantasieturm und dem Schriftzug «Klein Rigi». Dies sei ein Tanzlokal, erklärte mir eine Frau mit Hund; die Leute, vor allem Senioren, kämen zu den Tanzanlässen von weither.

Wir bogen nach rechts ab und erklommen unseren ersten Ruinenhügel. Die Burg Last, auf der die Dienstleute des Bischofs von Konstanz residierten, war ein mächtiges Ding. Als Besitzer eines launischen Ischiasnervs kam ich freilich ins Sinnieren: Kriegte man in einer derart exponierten Durchzugs-Anlage nicht furchtbar das Rückenzipperlein?

Wir stiegen ab in ein Tobel, stiegen wieder auf: Ruine zwei, Heubärg. Die letzten zehn Meter waren nicht einfach, der Waldpfad war rutschig. Und anschliessend: schon wieder ein Tobel. Hernach wurde aber für längere Zeit alles leicht. Vorbei an einem Pferdehof - dies ist eine Gegend der Rösseler, auf vielen Wegen lagen Pferdeäpfel - gerieten wir auf eine Gerade und langten bald in Neukirch an der Thur an. Seltsamerweise liegt es gar nicht an der Thur.

Aparte Plätze und tolle Einkehrmöglichkeiten

In der «Sonne», Markenzeichen Kachelofen, kehrten wir ein. Danach ein weiteres Tobel und eine Waldpassage einem Bach entlang, der sich verspielt in den Molassegrund geschmirgelt hat: Hier müsste man im Sommer grillieren. Dann waren wir bei der Hintermüli wieder im Licht und umgehend bei Ruine drei, der Ruine Anwil: erneut ein aparter Platz, ein Blick übers Land Richtung Bodensee und zum gleissend weissen Säntis.

Am Schluss der Wanderung landeten wir beim Bahnhof in «Babs & Sivo's Dart & Steak-Beiz». Hier trifft sich die Dart-Szene. Wirft in dem mit 200 Elefäntchen und mit unzähligen Dartpokalen dekorierten Lokal ihre Pfeile. Und isst, was auch wir assen: ein 300-Gramm-Schweinssteak mit Pommes für 12 Franken 50. Was für ein Preis! Die Gegenwart ist mindestens so sagenhaft wie die Vergangenheit.

Leseraktion: Thomas Widmers neues Wanderbuch für 30 statt 34 Franken porto- und spesenfrei auf www.echtzeit.ch/tages-anzeiger.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.03.2010, 15:27 Uhr

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