Zuerst das Trittli, dann der Tritt
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 21.10.2008
Das Gebiet um den Hoch-Ybrig lädt zu Wanderungen ein.
Neue Wanderschuhe gekauft, ich bin bange. Seit Jahren bin ich nun mit Schuhen unterwegs, die knapp unter dem Knöchel enden; es ist bequem so. Aber immer wieder auch heikel. Jetzt soll das Verstauchungsrisiko minimiert werden, wozu ich 359 Franken in hohe Lowa-Goretex investiert habe. Schön sind sie, riechen fein nach Leder, fühlen sich bei der Anprobe im «Ruedi Bergsport» untadelig an. Doch wird mein linker Fuss, der seit dem Bänderriss (Schlittelunfall) empfindlich ist und auf Hartbelag schnell schmerzt, das Modell wirklich akzeptieren?
Das herauszufinden, fahre ich eines kühlen Morgens von Einsiedeln zur Weglosen, zur Talstation der Hoch-Ybrig-Seilbahn. Über die Parkgarage dort muss ich mich wundern: Was für eine Betonkatakombe! Die andern Leute aus dem Bus streben jetzt der Bahn zu. Ich bin der Einzige, der sich zu Fuss an den Steilhang macht. Dabei ist er abwechslungsreich und also reizvoll komponiert: Buschwerk und Wald. Ab und zu eine Alphütte. Wiesen mit unzähligen Kuhfläden. Eingestreute Steine und Einzelfelsen.
Ein verdächtig Wort
Nach einer halben Stunde halte ich kurz inne und ziehe ich das erste Zwischenfazit zum Schuh: Er ist noch steif, sitzt aber; die Sache lässt sich gut an.
«Trittli» und «Tritt» will ich auf dem Weg ins Muotatal bewältigen. Ich bin auf diese Route gekommen, indem ich tat, was ich oft tue: zu Hause Wanderkarten studieren und mir das Gelände vorstellen. Im Wort «Tritt» schwingt ein prickelnder Verdacht: Es könnte ruppig werden, so ist das an anderen Orten dieses Namens. Zwischen Davos und Arosa unterhalb der Latschüelfurgga etwa. Jener Tritt ist Teil eines alten Handelsweges. Doch immer wieder verunfallten in der Vergangenheit Leute in der gerölligen Fluh. Erst die neuzeitliche, 220-stufige Holztreppe hat die Gefahr beseitigt.
Mein Schwyzer «Trittli», das ich nach zwei Stunden und 600 Höhenmetern aufwärts erreiche, stellt sich als vergleichsweise harmlos heraus; freilich muss man bei Feuchtigkeit doch vorsichtig auftreten. Von der Passhöhe aus erblicke ich unter mir ganz nah den Hoch-Ybrig-Kessel und denke angesichts der Seilbahn-Restaurant-Ferienlager-Ferienhaus-Gebäulichkeiten zum zweiten Mal an diesem Tag, dass es feinfühligere Architekten gibt als die, die in dieser Gegend aktiv waren. Danach halte ich auf den Nätschboden zu, den höchsten Punkt der Wanderung auf 1662 Metern. Das Bergrestaurant Stäfel hat leider - heute ist Dienstag - Ruhetag, und ich muss mich aus meinem Notvorrat bedienen. Oben auf der Krete esse ich ein Chokito, schütte etwas Studentenfutter nach und erfreue mich am Spitzenpanorama gen Süden. Das da hinten ist . . . jawohl . . . das ist der Urnersee. 1000 Höhenmeter geht es fortan abwärts ins Muotatal; und apropos, liebe Leserin, lieber Leser - dort findet am 25. und 26. Oktober der Muotitaler Alpchäsmärcht statt, den ich allen ans Herz lege: Man kann an diesem saftigen Volksfest grossartigen Käse kaufen, direkt bei den Sennen und Bauern von all den Alpen rundum wie Roggenloch, Bödmeren, Goldplangg, Dreckloch.
Einer der hält, was er verspricht
Ein gutes Stichwort: Dreck. Die neuen Schuhe versinken auf der Strecke hinab zur Fraumatt im Morast. Immerhin, über die gröbsten Stellen retten Holzbretter. Schliesslich, noch 600 Meter über dem Talboden, der «Tritt». Er hält, was sein Name verspricht: Dies ist eine heikle Passage. Mehrere Male blicke ich wie aus einem Helikopter oder Heissluftballon auf die langgezogene Gemeinde Muotathal und stehe am Rand des Abgrunds. Drahtseile und Metallleitern helfen; unten, nach fünfeinhalb Gehstunden, bin ich sehr zufrieden. Diese Route war, Tritt sei Dank, ein Abenteuer. Und meine neuen hohen Schuhe, die nun schon ein bisschen verschrammt sind, vor allem aber sehr schmutzig, haben den Reality Check bestanden: keine Blasen, keine Druckstellen, alles okay. Ich denke, wir werden uns mögen.
Einkehr: Bergrestaurant Stäfel, letzter Saisontag 26. 10. www.staefel.ch. Bestes Restaurant im Muotatal: Landgasthof Adler in Ried-Muotathal, gehobenes Essniveau. www.adler-muotathal.ch www.alpkaesemarkt.ch.
* Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Wanderung in der Schweiz vor. Seine Bücher «Zu Fuss» und «Zu Fuss 2» sind im Echtzeit Verlag erschienen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.10.2008, 13:42 Uhr

































































































































