Diese Rangliste verdirbt Frankreich den Appetit
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 01.05.2010
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Es hängt eine gastronomische Häresie in der Luft. Und da sie aus England herüberweht, mon Dieu!, dünkt es den Kritiker im Pariser «Figaro», dass es wieder mal an der Zeit sei, der Restwelt eine jener üppigen Portionen süffisanter Besserwisserei zu servieren, an der die Beliebtheit Frankreichs im Ausland zuweilen etwas leidet. Er schreibt von Absurditäten, Sottisen, Idiotien. Und das kam so.
Das britische «Restaurant Magazine» hat den vielen Ranglisten der weltbesten Restaurants sein Klassement der 50 allerbesten hinzugefügt. Platz 1 belegt Noma, Dänemark, Platz 2 El Bulli, Spanien, Platz 3 Fat Duck, England. England? England! Auf Platz 11, nicht einmal Top Ten, das erste französische Lokal: das Pariser Le Chateaubriand des baskischen Nachwuchssuperstarkochs Inaki Aizpitarte. Weit abgeschlagen, auf Rang 29 und 41, zwei dröhnende Namen der Haute Cuisine: Joël Robuchon und Alain Ducasse.
Ein internationales Komplott?
Der «Figaro» schreibt nun über die Engländer: «Unsere Freunde, die ihr Land nur selten verlassen, haben da ein idiotisches Classement veröffentlicht.» «Le Parisien» titelt: «Unser Monopol auf die grossen Tische ist vorbei.» Und zitiert einen einheimischen Kritiker, der hinter der Rangliste eine «ferngesteuerte Marketingoperation» vermutet. Oder vielleicht ein internationales Komplott?
Die Kränkung sitzt tief. Und das ist gut so. Vielleicht hilft die Korrektur des hehren Selbstverständnisses ja auch zur Förderung der sehr bescheidenen kulinarischen Alltagskultur. Was dem erwartungsfrohen Gast in den erschwinglichen Brasseries und Auberges im Land in sogenannten Formules, also Menüs, mittags und vielerorts auch abends vorgesetzt wird, spottet meistens der Vollmundigkeit auf der Schiefertafel.
Was da auf einem «Bettchen von Schalotten», in «seinem eigenen Jus» oder auf irgendeinem «Coulis» lockt, als wäre es Kunst am Gaumen, vergrössert oft nur den Wunsch nach dem Kaffee, den es wenigstens gratis dazu gibt. Schlecht gewürzt, verbraten, lieblos. Es ist ein Jammer - aus sehr unberufener Feder, freilich, aber befreiend. In heller Erwartung einer baldigen Bekehrung: Bon appétit! (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.05.2010, 13:09 Uhr



