Fleischessen ist das neue Rauchen

Noch ist der Pro-Kopf-Konsum von Fleischprodukten konstant. Aber wir stehen an einem Wendepunkt, was die vegetarische Ernährung in der Schweiz angeht.

Wer Fleisch konsumiert, gerät zunehmend in Erklärungsnot. Foto: «The Washington Post», Getty Images

Wer Fleisch konsumiert, gerät zunehmend in Erklärungsnot. Foto: «The Washington Post», Getty Images

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Da sitzt man in geselliger Runde, kommt aufs Essen zu sprechen. Jemand erzählt, er habe gerade gestern einen Schweinsbraten verspeist – er sagt dies aber, ­anders als früher, in einem entschuldigenden Ton. «Eigentlich esse ich ja nicht mehr so viel Fleisch», meint er. Worauf sein Gegenüber erwidert: «Oh, ich habe den Konsum auch reduziert.»

Solche Szenen häufen sich. Es scheint, dass der Fleischverzehr in der Schweiz tatsächlich nicht mehr en vogue ist. Bloss: Wer besucht all die Steak- und Burgerlokale, die rundherum gefühlt im Monatsrhythmus eröffnen? Und fast noch rätselhafter: Wieso zeigt sich die zunehmende Skepsis gegenüber den Filets und Haxen nicht in der Statistik?

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Der Pro-Kopf-Konsum von Fleisch ist seit 2000 nämlich konstant und liegt ­gemäss der Branchenorganisation Pro­viande bei ungefähr 52 Kilogramm pro Jahr. Auffällig ist einzig, dass helles Pouletfleisch gegenüber anderen Fleischarten beliebter wird. Auch der Vegetarieranteil in der Bevölkerung wächst bisher nur marginal: Er liegt gemäss einer letztjährigen Erhebung im Auftrag von ­ «20 Minuten» bei ungefähr 3 Prozent. 1997 gaben in der Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik erst 2,3 Prozent an, gänzlich auf Fleisch zu verzichten – ein Quantensprung ist die Zunahme von unter einem Prozent über fast zwanzig Jahre nicht.

Die Bildung entscheidet

Was zuzunehmen scheint, sind die Geniesser, die sich selbst als Flexitarier bezeichnen, also als Konsumenten, die nur gelegentlich Fleisch essen. Doch dürfte dies vor allem eine Frage der Selbstwahrnehmung sein – denn sind wir nicht alle irgendwie Flexitarier?

Die Beobachtungen im eigenen Umfeld und die Statistik widersprechen sich also. Warum? Eine Erklärung liegt auf der Hand: dass der Fleischkonsum nur in gewissen Gesellschaftsschichten abnimmt. Es dürften eher der in Zürich wohnhafte Philosophiestudent und die Sportlehrerin aus Genf sein, die aufs Fleisch verzichten. Deutsche Studien zeigen: Je niedriger der Bildungsgrad, desto mehr Fleisch wird konsumiert.

Je niedriger der Bildungsgrad, desto mehr Fleisch wird konsumiert.

Gleichzeitig essen andere Gruppen mehr Fleisch als früher – nicht zuletzt wegen stetig sinkender Fleischpreise. Plakativ gesagt: Der portugiesische Bauarbeiter im Bergkanton und die Migros-Kassenangestellte aus Kroatien werden sich ihr «verdientes» Fleisch erst mal nicht nehmen lassen. Schliesslich zeigt sich wirtschaftlicher Aufstieg immer auch auf dem Teller.

Führen wir den Gedankengang fort: Was als avantgardistische Denkweise (in der Stadt, bei Jugendlichen) seinen Anfang nimmt, gewinnt mit der Zeit an Akzeptanz. Denken Sie ans Frauenstimmrecht oder an den Umweltschutz – brauchten diese nicht auch ihre Zeit, bis sie «durchsickerten»? Man kann davon ausgehen, dass wir an einem Wendepunkt angelangt sind, was den Fleischkonsum angeht. Vegetarismus wird zunehmen.

Video – Arnold Schwarzenegger plädiert für weniger Fleischkonsum:

Ein Vergleich mit den Rauchern bietet sich an: Wer hätte vor zwanzig, dreissig Jahren – als man die Zigarette sogar noch mit ins Bett nahm – ernsthaft erwartet, dass Raucher eines Tages geschlossen auf den Balkon gehen würden, um am Glimmstängel zu ziehen? Der Raucheranteil in der Schweiz hat sich seit der Jahrtausendwende deutlich verringert. Rauchte damals noch ein Drittel aller Schweizerinnen und Schweizer, ist es inzwischen nur noch ein Viertel.

Argumente für Fleischverzicht flexibel

Dass sich die urbane, gut ausgebildete Bevölkerung vom Fleisch verabschiedet, lässt sich mit dem gewachsenen Argumentarium derjenigen erklären, die bewusst aufs Fleisch verzichten. Vor ein paar Jahren wurde als Begründung für den vegetarischen Lebensstil noch hauptsächlich Mitleid gegenüber dem geschlachteten Tier ins Feld geführt. Inzwischen sind die Argumente für den Fleischverzicht vielschichtiger, und sie werden präziser formuliert: Man thematisiert den CO2, den Wasser- und Landverbrauch der Fleischproduktion.

Man spricht über die Massentierhaltung, die eigentlich niemand gutheisst (bis er das Portemonnaie zücken muss). Und selbstredend wird mit der Volksgesundheit argumentiert: Diverse Forschungsarbeiten legen nahe, dass zu viel Schweinsbratwurst und Rindsbraten dem Wohlergehen nicht zuträglich sind. Dass heute mehr Poulet gegessen wird, zeigt eine entsprechende Sensibilität in weiten Kreisen der Bevölkerung.

Nicht zu vernachlässigen sind moralische Argumente für den Vegetarismus: Die Hinweise mehren sich, dass Tiere ähnlich denken und fühlen wie Menschen. Und angesichts dessen ist die ­Tötung eines Schlachttiers nicht mehr als notwendiges Übel hinzunehmen. «Die fraglose Legitimation, Fleisch zu verzehren, stammt aus einer Zeit, in der das Töten von Tieren überlebensnotwendig war», sagt Richard David Precht in seinem neuen Buch «Tiere denken». Und fügt an: «Ein zwingender medizinischer Grund, Fleisch zu essen, besteht nicht.» Die Schlussfolgerung ­daraus ist simpel: Der Verzicht auf Fleisch ist dem moralischen Fortschritt geschuldet. In die gleich Kerbe schlagen Karen Duve und Safran Foer – ihre Werke zum Thema waren Verkaufsschlager.

Der Verzicht auf Fleisch ist dem moralischen Fortschritt geschuldet

Welche Rolle spielen da eigentlich die Veganer, die nicht nur auf Fleisch, sondern generell auf tierische Produkte verzichten? Dass diese Ernährungsweise in der urbanen, weiblichen Bevölkerung zurzeit hip ist, dürfte wie ein Katalysator wirken: Coop hat in den letzten Monaten 350 Produkte mit dem Label «vegan» ausgekennzeichnet – ein gewichtiges Statement, auch wenn das Profitinteresse im Vordergrund stehen dürfte. Der Vergleich von Veganern mit einer Jugendbewegung, wie ihn der Zürcher Kochbuchautor Maurice Maggi macht, leuchtet ein: Welche anderen Möglichkeiten hat ein Jugendlicher heute, sich von den Eltern zu emanzipieren? Laute Musik? Zerrissene Jeans? Da japst längst kein Erwachsener mehr erschrocken nach Luft.

Kognitive Dissonanz

Die Argumente für den Fleischverzicht sind immer schwieriger zu widerlegen. Gerade, wenn man sich in einem urbanen Umfeld bewegt und jeglichen Bezug zur bäurischen Tierhaltung verloren hat. Ignorant wirkt inzwischen, wer sagt: «Ich esse Fleisch, so häufig ich will – weil ich es einfach gern mag.» Und deshalb kommt bei vielen Zeitgenossen zunehmend ein psychologisches Phänomen zum Tragen, das kognitive Dissonanz genannt wird: das unangenehme Gefühl, das man bekommt, wenn man etwas tut und gleichzeitig weiss, dass es falsch ist.

Die Folgen davon sind bereits spürbar: Viele wählen heute Bio-Plätzli und Haxen aus glücklicher Hofhaltung, um dem Dilemma möglichst zu entgehen – doch werden dafür halt auch Tiere getötet. Andere, dazu zählt der eben erwähnte Precht, hoffen auf künstliches, im Labor erzeugtes Fleisch – doch ob sich dieses bei den Gourmets wirklich durchsetzen wird, ist offen.

Sicher ist dagegen: Die kognitive ­Dissonanz bei Fleischesserinnen und -essern wird weiter wachsen. Viele werden das irgendwann nicht mehr aushalten – und nachgeben. Wer in den letzten Jahren aufgehört hat zu rauchen (und welcher Raucher hat das nicht?), weiss genau, wovon die Rede ist: Irgendwann kann man die Augen einfach nicht mehr vor der unangenehmen Wahrheit verschliessen – da kann der Rindsbraten noch so verlockend duften. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2016, 19:54 Uhr

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