Fünf Bücher für ein Halleluja

Legen Sie doch ein Kochbuch unter den Baum! Fünf haben wir ausgewählt und ausprobiert.

Essen wie im Gourmetlokal: Garnelen nach Art des Celler de Can Roca. Foto: Sabina Bobst

Essen wie im Gourmetlokal: Garnelen nach Art des Celler de Can Roca. Foto: Sabina Bobst

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Rezepte voller Liebe

Worum geht es?
Die Rezepte, die die Wiener Künstlerin Eschi Fiege in «Love Kitchen» vorstellt, sind nur für zwei Personen berechnet. Sie eignen sich für alle, «die sich lieben oder mögen oder verliebt sind», so die Autorin. Es handelt sich um «romantische» Speisen wie Forellencreme mit Forellenkaviar, Baiser-Eclairs oder ein Müesli namens «Guten-Morgen-Kuss-Kuss» mit Couscous.

Typische Passage aus dem Vorwort: «Es ist ja nicht nur eine Tasse Kaffee, eine Suppe oder ein Stück Kuchen, es ist sichtbar gemachte Liebe. Und davon können wir nicht genug haben!»

Ausprobiert haben wir . . . «Jakobs­muscheln mit Blumenkohlcreme und ­Johannisbeeren» – wobei wir die Johannis- durch Heidelbeeren ersetzten. Was uns verwirrte, war der Halbsatz «Abseihen zurückbehalten». War damit das ­Abseihwasser nach dem Blanchieren der Kohlröschen gemeint? Es tauchte im Laufe der Zubereitung nicht mehr auf. Blumenkohl und Jakobsmuscheln ergeben eine sinnliche, nussig-zarte Kombination, die sich konsistenzmässig allerdings eher im «Dritte-Zähne-Bereich» bewegt. Für den Kontrast sind die violetten Beeren zwingend.

Bebilderung: Divamässig, in Pastellfarben gestylt. Es dürfte eines der schönsten Bücher des Jahres 2016 sein.

Wem schenkt man das Buch? Allen, ausser denen, die Liebeskummer haben. Für Ästheten ist das Buch ein Muss. Für Onkel Willi aber, der gerne die Grillzange in der Hand hält, dürfte das Buch «zu weiblich» gestaltet sein.

Eschi Fiege, Love Kitchen. Brandstätter-Verlag, Wien 2016. 220 S., ca. 40 Fr.


Der Allrounder

Worum geht es? Ein empfehlenswertes Standardwerk: Ob Sushirollen oder Wiener Schnitzel, ob Aïoli oder Aprikosenkonfitüre, ob Forelle nach Müllerinnen-Art, vegane Gemüsechips oder Tiramisù – hier findet auch der unerfahrene Hobbykoch das Rezept, das er sucht.

Typische Passage aus den 10 Geboten für die Fleischküche: «Fleisch muss in der Regel nicht gewaschen werden. Keime werden nicht weggespült, sondern im Gegenteil mit dem Spritzwasser in der Küche verteilt. Es genügt, Fleisch trocken zu tupfen.»

Ausprobiert haben wir . . . ein herzhaftes, mittelscharfes «Beefcurry mit Tomaten». Wobei das Buch verschweigt, ob es indischer Abstammung ist. Vielmehr erinnert es an vergleichbare Zubereitungen von Jamie Oliver. Besonders toll war übrigens die Empfehlung, das Joghurt für die begleitende Koriandersauce über einem Sieb abtropfen zu lassen. Gerne hätten wir aber noch gewusst, was man denn als Sättigungsbeilage dazu geniesst.

Bebilderung: Die meisten Bilder sind kleinformatig, durchs Band machen sie Hunger. Auf jeder zweiten Zubereitung liegt ein Rosmarin-, Thymian- oder Dillzweiglein.

Wem schenkt man das Buch? Wer gerade das «Hotel Mama» verlassen oder das Nachschlagewerk «Tiptopf» beim Zügeln verloren hat, dürfte sich über dieses Werk unter dem Baum freuen – es ist ein «Allrounder»-Kochbuch, in dem man so ziemlich jedes gängige Alltags­gericht findet.

Diverse Autoren, Die GU-Kochbibel. Gräfe und Unzer, München 2016. 400 S., ca. 41 Fr.


Gehobene Kochkunst

Worum geht es? In diesem grossformatigen Buch sind rund 90 Rezepte aus dem Celler de Can Roca versammelt, einem der besten Restaurants der Welt. Die hochkomplexen Zubereitungen bestehen meist aus verschiedensten Komponenten. Ergänzt wird das Buch von der Geschichte des legendären Gourmetrestaurants in Girona und einem «Werkverzeichnis», in dem sämtliche Kreationen der drei Roca-Brüder seit 1986 abgebildet sind.

Typische Passage aus dem Vorwort: «Für uns ist klar, dass die Zukunft der Küche ebenso wie ihre Geschichte zwischen den Polen Zubereitungstechnik und Produkt stattfinden wird.»

Ausprobiert haben wir . . . «Gegrillte Garnele mit gesäuerter Steinpilzsuppe», eines der wenigen Rezepte, in dem keine avantgardistischen Zutaten wie Alginat oder Isomalt verwendet werden. Eine Ausrüstung fürs temperaturkontrollierte Kochen hätte es allerdings doch gebraucht, weswegen das Klären der Suppe aus 100 Gramm getrockneten Steinpilzen (was für eine Verschwendung!) nicht ganz so gut geklappt hat. Das Buch beweist, dass man für manche Gerichte besser in den Gourmettempel geht.

Bebilderung: Perfekte Foodfotografie und natürlich ganz viele selbstverliebte Porträts der drei Brüder Joan, Josep und Jordi Roca.

Wem schenkt man das Buch? Ein Werk für professionelle Köche. Und für Gourmets, die mal in Girona waren und nun nachschlagen wollen, wie die Rezepte funktionieren.

Joan, Josep und Jordi Roca, El Celler de Can Roca. Edition Fackelträger, Köln 2016. 480 S., ca. 125 Fr.


Englisches Jahr

Worum geht es? Der zweite «Küchentagebuch»-Wälzer von Nigel Slater ist kürzlich auf Deutsch erschienen. Der britische Foodjournalist begleitet mit Einträgen zu kulinarischen Erlebnissen und den passenden Rezepten durchs Jahr – eine ungeheure Dichte an Kochideen.

Typische Passage aus dem Vorwort: «Kochen ist nichts Statisches, jedenfalls nicht für Menschen mit Geist und Appetit, die sich die Fähigkeit zum Staunen bewahrt haben.»

Ausprobiert haben wir . . . «Walnuss-Meringue mit Äpfeln und Vanillepudding»: Den Pudding haben wir einen Tag im Voraus gemacht. So konnten wir uns auf die Zubereitung der Meringue konzentrieren, die uns zuerst etwas Angst, dann aber sehr viel Spass machte. Statt den Eiweissschaum zu einzelnen Meringues zu formen, schlägt Slater vor, die Masse in einem Stück auf ein Backblech zu verteilen und in den Ofen zu ­geben. Das Resultat ist eine Art Meringue-Tarte, die mit Pudding, Äpfeln und Nüssen bestückt ist. Sie gelingt sogar, wenn man völlig übermüdet ist.

Bebilderung: Wie immer bietet Slater «megagluschtige» Fotos zu fast allen Rezepten. Doch es ist nicht nur ein Buch zum Schauen, sondern auch zum Lesen.

Wem schenkt man das Buch? Denen, die nicht nur Freude an herzhaften ­Rezepten, sondern auch an der Sprache haben – denn Slater ist ein genauer, unterhaltsamer Schreiber. Und denen, die gerne intuitiv kochen. Obwohl gut nachkochbar, betrachtet der Autor seine Rezepte eher als Anregungen.

Nigel Slater, Ein Jahr lang gut essen. Dumont-Verlag, Köln 2016. 560 S., ca. 52 Fr.


Surrealistisch

Worum geht es? Salvador Dalí zeichnete nicht nur brennende Giraffen, ­offenbar kochte er auch gern. Nun ist ein Kochbuch mit über 130 seiner Rezepte neu aufgelegt worden. Es offenbart eine sonderbare barocke Geniesserwelt, in der hemmungslos geschlemmt wird.

Typische Passage aus dem Vorwort: «Und wenn ich dieses schreckliche, erniedrigende Gemüse verabscheue, das sich Spinat nennt, so deshalb, weil Spinat formlos ist wie die Freiheit.»

Ausprobiert haben wir . . . den «Cocktail Casanova» aus Orangensaft, Campari, Ingwer, Cognac und Cayenne­pfeffer, der unter den aphrodisierenden ­Rezepten aufgeführt ist. Den Likör Vieille Cure mussten wir, weil nicht erhältlich, durch Appenzeller Alpenbitter ersetzen. Dass man die Orange zuerst auspressen soll und dann erst die anderen Zutaten mischen und für eine halbe Stunde in den Kühlschrank stellen (womit man Zeit für den Saft hätte), ist wohl dem Surrealismus geschuldet. Es schmeckte, nun ja, nach Erkältungsmedizin.

Bebilderung: Die Illustrationen von Dalí sind eindrücklich; die Bilder der ­Gerichte wie «Krebsbäumchen mit Wikingerkräut» in einer Ästhetik gehalten, die den Geist einer Zeit atmen, als bunte Canapés das Mass aller Dinge waren.

Wem schenkt man das Buch? Allen, die den Toast Hawaii nicht ohne Cherrykirsche geniessen mögen – und die es nach opulenteren Gerichten mit Siebzigerjahre-Ästhetik gelüstet. Natürlich auch Kunstliebhabern, die Schubladen-Giraffen und schmelzende Uhren lieben.

Salvador Dalí, Die Diners mit Gala. Taschen-Verlag, Köln 2016. 320 S., ca. 67 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2016, 18:37 Uhr

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