Hintergrund

Halal made in Switzerland

Auf dem Brienzersee fahren «Halal-Cruises», ein Berner Viehhändler beliefert einen Halal-Schlachthof. Die muslimische Kundschaft treibt die Wirtschaft an, sich islamischen Qualitätsanforderungen anzupassen.

Realität der Halal-Schlachtung. Halsschnitt am betäubten Schaf.

Realität der Halal-Schlachtung. Halsschnitt am betäubten Schaf. Bild: Keystone

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Die Iseltwald ist das unscheinbarste Passagierschiff, das auf dem Brienzersee verkehrt. Diesen Sommer war sie in einer Mission unterwegs, die in der ganzen muslimischen Welt für Aufmerksamkeit sorgte: Von Mitte Juni bis Ende Juli liess die BLS die Iseltwald im Auftrag von Interlaken Tourismus jeden Mittwoch zur «Halal Barbeque Cruise» auslaufen – salopp gesagt ein islamkonformer Grillabend aus Tausendundeiner Nacht auf einem smaragdgrünen Alpensee.

Halal-Fieber im Oberland

Das neue Angebot stiess bei der stark wachsenden muslimischen Klientel im Oberland auf Anklang. Die Auslastung der Halal-Kurse habe über den Erwartungen gelegen, mehrere Fahrten seien komplett ausgebucht gewesen, sagt Patrizia Pulfer, Mediensprecherin von Interlaken Tourismus. Über die Hälfte der Halal-Passagiere sei aus dem arabischen Raum gekommen, aber auch Inder sowie entdeckungsfreudige einheimische Touristen seien zugestiegen. Aufgrund der erfolgreichen ersten Saison werden die Halal-Cruises auf dem Brienzersee auch nächsten Sommer wieder durchgeführt, kündigt Pulfer an. Obschon ein Barbecue nach muslimischen Vorgaben eigentlich reichlich Stoff für Kontroversen birgt.

Der arabische Ausdruck «Halal» bedeutet «erlaubt, zulässig, gestattet» – gemäss dem im Koran festgelegten islamischen Recht. Am umfangreichsten geregelt ist der Umgang mit Fleisch. Muslimen untersagt ist zum Beispiel der Verzehr von Schweinefleisch, von Blut sowie von Fleisch verendeter Tiere. Traditionellerweise muss das Fleisch deshalb einer Schlachtung entstammen, die ohne vorherige Betäubung durchgeführt wird, mit einem Schnitt, der Halsschlagader, Speise- und Luftröhre gleichzeitig durchtrennt, damit das Tier durch Muskelzuckungen möglichst schnell ausblutet. Nach islamischer Auffassung die schonendste und eine schmerzlose Art, das Leben eines Rinds, Schafs oder Huhns zu beenden.

Die schweizerische Verfassung gewährt zwar die Glaubens- und Gewissensfreiheit, das Tierschutzgesetz untersagt jedoch das betäubungslose Schlachten von Säugetieren. Eine Aufhebung des Schächtverbots ist vor neun Jahren am Widerstand von Tierschützern gescheitert. Auf den Schweizer Markt gelangt Halal-Fleisch trotzdem – auf verschiedenen Kanälen.

Der Bundesrat legt – wie für das Juden vorbehaltene koschere Fleisch – ein jährliches Importkontingent für Halal-Fleisch fest, derzeit 350 Tonnen Rind- und 175 Tonnen Schaffleisch. Einen Grossteil davon liefert ein Schlachthof im französischen Besançon, wo ohne Betäubung geschlachtet wird – wenige Kilometer ausserhalb der Schweiz.

Kebab aus Halal-Fleisch?

Was mit dem importierten Halal-Fleisch in der Schweiz passiert, regelt die Schlachtviehverordnung detailliert, wie Niklaus Neuenschwander, Leiter des Fachbereichs Tierische Produkte und Tierzucht im Bundesamt für Landwirtschaft, erklärt. Die Importkontingente werden vierteljährlich versteigert, und zwar zwingend an muslimische Metzgereibetriebe, die ihrerseits dafür sorgen müssen, dass sie ihre Produkte ausschliesslich an muslimische, vom Bundesamt für Landwirtschaft anerkannte Verkaufsgeschäfte liefern. Wer dieses Halal-Fleisch an Konsumenten verkauft, muss es an seinem Lokal gut sichtbar anschreiben.

So bestünde für die Kunden jedes Kebabstands eigentlich Klarheit, ob sie im Dürüm Fleisch geschächteter Tiere vorfinden. In der Praxis ist die Transparenz nicht hundertprozentig garantiert, weil die Kontrollintensität der Lebensmittelinspektorate von Kanton zu Kanton variiert. Und weil den Fleischimporteuren andere Wege offenstehen, zu Halal-Fleisch zu kommen.

Laut Neuenschwander können Händler, die ein Kontingent für den Import von konventionellem Rind- oder Schaffleisch ersteigert haben, einen Teil davon nachträglich zum Beispiel für islamkonformes Fleisch einsetzen. Das werde praktiziert, wenn sich Nachfragesteigerungen, etwa für die muslimischen Feste, abzeichneten. Damit ist klar, dass in der Schweiz mehr Halal-Fleisch auf den Markt kommt, als die staatlichen Kontingente ausweisen.

Halal mit der SVP

Einen dritten Weg beschreitet die Grossmetzgerei Sila in Buckten BL. Sie schlachtet nach islamischem Recht – tierärztlich überwacht in der Schweiz. Die Tiere werden – wie beim konventionellen Schlachten – mit Elektroschock betäubt. Dann aber führt ein gläubiger Muslim den Halsschnitt aus, wie Christian Lüscher, Verwaltungsratsmitglied der Sila, erklärt. Moderate Muslime akzeptieren diese tierschutzkompatible Kompromissmethode, die auch eine interessante Perspektive für die Schweizer Landwirtschaft sein könnte, weil das islamkonforme Fleisch nicht importiert werden muss.

Die Sila gehört der Bernhard Lüscher AG, einem Familienviehhandelsbetrieb im bernischen Aefligen, der die Schlachttiere an die Sila liefert. Verwaltungsratspräsident ist Markus Lüscher, der im Herbst für die Berner SVP für den Nationalrat kandidiert. Angesichts der rund 500'000 in der Schweiz lebenden Muslime sei das Halal-Fleisch-Business «sicher interessant, aber hart umkämpft wie der ganze Fleischmarkt», sagt Christian Lüscher.

Es sei zweifellos der Weg der Zukunft, eine Schlachtmethode zu etablieren, die sowohl den schweizerischen Tierschutzvorstellungen als auch den religiösen Geboten des Islam entspreche, sagt Farhan Tufail, CEO der Halal Certification Services in Rheinfelden. Wenn einwandfrei nachgewiesen werde, dass ein Tier nach einer Betäubung wieder erwachen könnte und daher nicht tot sei, ehe es geschlachtet werde, dürfte diese Methode auch für strenggläubige Muslime akzeptabel sein. Man arbeite daran, eine solche Schlachtpraxis für die Schweiz zu zertifizieren.

Schoggi halal

Mindestens so wichtig ist für Tufail aber, über die Kontroverse ums Schlachten hinauszublicken. Halal gehe viel weiter – Halal bedeute die Anforderung, dass alle Lebensmittel frei sein müssten von jeglichen, auch ethischen, Verunreinigungen, frei von gefährlichen und giftigen Stoffen.

Das erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit der industriellen Lebensmittelproduktion, von der auch westliche Konsumenten profitieren. Eier von Legebatterien-Hühnern etwa sind nicht halal. Auch nicht halal wäre die gängige Praxis, Hühnerfleisch mit Wasser zu strecken, wozu Proteine von Schweinen verwendet werden können. Nicht halal sind Fruchtsäfte, die mit Gelatine aus Schweineknochen geklärt werden. Lab für die Milchverarbeitung muss von Tieren stammen, die nach islamischen Regeln gehalten und geschlachtet werden, damit Käse halal sein kann. Aromen, die mit Alkohol erzeugt werden, sind ebenso wenig halal wie mit Alkohol gereinigte Produktionslinien – und erst recht nicht Waren, bei deren Herstellung Kinderarbeit eine Rolle spielte.

Mit anderen Worten: Die Halal-Frage stellt sich auch bei Gummibärchen oder Pizzateig.

«Halal», sagt Farhan Tufail, «ist eine sehr strenge, umfassende Qualitätsgarantie», die zunehmend von nicht muslimischer Kundschaft honoriert werde. In Grossbritannien etwa sei inzwischen mehr als die Hälfte der Kundschaft von Halal-Produkten nicht muslimisch. Logisch deshalb, dass Halal zu einer Unternehmensstrategie werden kann.

Religiöser Halal-Entscheid

Tufail führt bei Firmen Halal-Zertifizierungen durch – eine Prozedur, die in groben Zügen folgendermassen abläuft: Lebensmittelfachleute schlagen Verbesserungen am Produktionsprozess vor, damit alle aus islamischer Sicht problematischen Stoffe eliminiert werden. Den letzten Entscheid, ob das für ein Halal-Zertifikat genügt, fällen aber Religionsgelehrte. In der Schweiz sind etwa Grossunternehmungen wie Nestlé oder Nespresso zertifiziert, zunehmend steigen aber auch kleinere Firmen ins Halal-Geschäft ein.

Die Nutriswiss in Lyss, eine der führenden Speisefettherstellerinnen der Schweiz, stellt sich seit zwei Jahren regelmässig der Halal-Zertifizierung, weil «wir damit Wünschen von Kunden entsprechen, die für ihre Endprodukte, Schokolade etwa oder Babynahrung, Exportpotenzial im islamischen Markt sehen», wie Sprecher Georg O.Herriger ausführt. Um dem Halal-Standard zu genügen, musste Nutriswiss etwa die Produktionsprozesse entflechten, um kleinsten Vermischungen von pflanzlichen und tierischen Fetten vorzubeugen. Die Raffinierung verschiedener Rohprodukte müsse neu auf separaten Installationen erfolgen.

Halal gegen starken Franken

Farhan Tufail hält es für wirtschaftlich interessant, wenn sich auch der Tourismus der Halal-Philosophie weiter öffnen würde – beispielsweise indem an Hotelfachschulen Halal-Weiterbildungsmodule angeboten würden. Damit Hoteliers etwa muslimischen Gästen automatisch Gebetsteppiche ins Zimmer legten und sie über die korrekte Position Richtung Mekka orientierten.

Bei Interlaken Tourismus stösst dieser Ansatz auf offene Ohren. Weil der Ramadan auch in den nächsten Jahren auf die Sommersaison falle, seien solche Innovationen wichtig, damit man bei muslimischen Gästen attraktiv bleibe, sagt Patrizia Pulfer. Ganz abgesehen davon, dass arabische Gäste und Konsumenten auf den starken Franken weniger empfindlich reagieren.

Was zeigt: Wenn wirtschaftliche Überlegungen im Spiel sind, geht die Anpassung an islamische Vorgaben plötzlich schnell. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.08.2011, 14:10 Uhr

Alpenidyll für Halal-Cruise: Brienzersee mit Bönigen. (Bild: Fritz Lehmann)

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