Prominente Kehlen und glamouröses Wasser
Wie viel Wasser braucht der Mensch wirklich?
Im Sommer rufen Mediziner und Ernährungsexperten regelmässig dazu auf, genügend zu trinken. Durch das Schwitzen verliert der Körper Wasser, respektive er kühlt sich ab, indem er Wasser verdunstet. Wird ihm zu wenig zugeführt, sinkt die Leistungsfähigkeit. Blutdruckabfall, Schwindel, Übelkeit und Muskelkrämpfe können als Folge auftreten.
Wie viel getrunken werden soll, wird unter Fachleuten kontrovers diskutiert. Die einen raten zu zwei bis drei Liter, aufgenommen zu 60 bis 70 Prozent über Getränke und zu 30 bis 40 Prozent über Speisen. Andere stehen vorgeschriebenen Trinkmengen skeptisch gegenüber. Der Immunologe Beda Stadler meint etwa, der Mensch sei mit seinem angeborenen Durstempfinden während der Evolution ziemlich gut über die Runden gekommen.
Auch Wulf Schiefenhövel, Mediziner und Verhaltensforscher am Max-Planck-Institut im oberbayrischen Landechs, lehnt es kategorisch ab, anzugeben, wie viel Wasser man trinken soll. Der Mensch sei mit einem perfekten Wasserbalancesystem ausgestattet, sagt er.
Der Körper ist keine Maschine
Jahrelang hat der Wissenschaftler die Bewohner des Hochlandes von West-Guinea beobachtet und festgestellt, dass die Eipo dort maximal einen halben Liter täglich trinken und damit optimal versorgt sind. «Wir Europäer», so sagt Schiefenhövel, «verstehen den menschlichen Körper als mangelhafte Maschine, die von aussen Kommandos bekommen muss, um zu funktionieren.» Und das sei zuweilen fatal.
Zu viel Wasser kann zur Überwässerung führen und damit zu einem Hirnödem. Vor allem bei Kleinkindern besteht die Gefahr, an einer Wasservergiftung zu sterben, wenn die Ernährung aussergewöhnlich natriumarm ist. In Kalifornien starb vor zwei Jahren aber auch eine 28-Jährige. Und zwar nach einem Wettsaufen. Sie kippte innerhalb kürzester Zeit 20 Liter Wasser. Dies führte zu einer Störung des Wasser- und Elektrolythaushaltes, der Natriumgehalt im Körper fiel massiv ab.
Im Grandhotel Kempinski in St. Moritz denkt niemand daran, nach biblischem Vorbild Wasser in Wein zu verwandeln. Das Luxushotel ist berühmt für sein Wassersortiment. Rund 50 Marken aus aller Welt werden den Gästen offeriert. «Das Angebot variiert je nach Saison und Gusto der Gäste», sagt Pressesprecherin Betina Welter. «Auf Wunsch besorgen wir binnen zwei Tagen auch reinstes Schweizer Gletschersteinwasser, in Flaschen abgefüllt.»
Kempinskis Brimborium ums nasse Nichts repräsentiert, was den Getränkemarkt derzeit dominiert: Mineralwasser ist zum Lifestyle-Produkt geworden. «In der Schweiz hat sich der Konsum in den letzten 20 Jahren verdoppelt», sagt Marcel Kreber, Generalsekretär des Verbandes Schweizerischer Mineralquellen und Softdrink-Produzenten (SMS). Wurden 1989 noch rund 380 Millionen Liter Mineralwasser geschluckt, waren es im vergangenen Jahr fast 900 Millionen Liter. Das entspricht einem Pro-Kopf-Verbrauch von 115 Litern jährlich. Zwei Drittel der Mineralwasserprodukte stammen aus heimischen Quellen, ein Drittel wird importiert.
Verkostet wie ein Spitzenwein
Bei den eingeführten Produkten machen neuerdings die Edelwässer Furore. Kenner rühmen deren Geschmacksbouquets, als handle es sich um Spitzengewächse aus dem Bordeaux. Und wie in den Tiefen der Weinkeller werden auch bei den kristallklaren Nobeltrünken Legenden über Herkunft und Herstellungsverfahren gehandelt, um ihnen den Nimbus der Exklusivität zu verleihen.
Cloud Juice von der tasmanischen Insel King Island beispielsweise werde aus Regentropfen gewonnen, so Betina Welter. Über 9000 Tropfen seien nötig, um eine Flasche zu füllen. «Es ist das sauberste Wasser der Welt», meint sie. Deshalb werde es von den Gästen hoch geschätzt – ein Grand Cru «Château d’Eau».
Je nach Provenienz und Flaschendesign haben die modernistischen Prestigewässerchen zweifellos das Zeug zum Statussymbol. Als Werbebotschafterinnen fungieren denn auch Stars und Sternchen. Madonna etwa lobpreist Voss aus den norwegischen Wäldern, dessen Flasche Calvin Klein gestaltet hat. Catherine Zeta Jones schwört auf das walisische Ty Nant, und Heidi Klum delektiert sich am deutschen Bella Fontanis. Mariah Carey wiederum greift vor der Kamera gerne zu Fiji, das von einem unbefleckten Ökosystem stammen und durch Vulkansgestein natürlich gefiltert sein soll.
Nur den Durst löschen ist langweilig
Die meisten In-Wässer sind um den halben Erdball gereist, bis sie durch die Kehle der Konsumenten rinnen. Ihre Ökobilanz ist miserabel. Dennoch rät Arno Steguweit, Autor des Buches «Wasser!» und von den Medien zum ersten Wasser-Sommelier Europas gekürt: «Wer den Trend erkannt hat und etwas auf sich hält, bietet seinen Kunden mindestens fünf verschiedene Wässer an.» Als Manager des Berliner Gourmettempels Fischers Fritz kredenzt Steguweit deren zwölf. Allzu lange sei Mineralwasser stiefmütterlich behandelt und als reiner Durstlöscher abqualifiziert worden, konstatiert der Wasserprediger.
Die Geschichte gibt ihm Recht. «Wer nur Wasser trinkt, hat etwas zu verbergen», schmähte Rauschfreund Baudelaire abstinente Zeitgenossen im 19. Jahrhundert. Wasser diente den Altvorderen bestenfalls dazu, Hochprozentiges verbal zu mystifizieren: Der Schnaps wurde euphemistisch Eau de vie oder aqua vitae genannt, also Lebenswasser. Auch das slawische Wort Wodka bedeutet Wässerchen. Ebenso wurzelt die Bezeichnung Whisky im Gälischen uisghe, zu Deutsch Wasser.
Direkt aus der Quelle
Die Geringschätzung basierte nicht zuletzt auf der schlechten Qualität, die dem Trinkwasser damals eigen war. Heute gilt Hahnenburger als einwandfrei. Aber weder Kreber vom SMS noch Sommelier Steguweit sehen im Leitungswasser einen Ersatz für Mineralwasser. «Trinkwasser muss vielfach aufbereitet werden», erklärt Kreber, natürliches Mineralwasser komme unbehandelt direkt von der Quelle und dürfe von Gesetzes wegen keine Zusätze enthalten. Feinschmecker Steguweit beschreibt Leitungswasser als «dumpf».
Viel lieber schwadroniert der Wein- und Wasserfachmann über sein bevorzugtes Labsal, das französische Châteldon. Es habe gustatorisch einen ganz besonderen Charakter, so Steguweit, und zeige sich ausnehmend harmonisch am Gaumen. Favorisiert wurde «Châteldon» von niemand Geringerem als Louis XIV. Der Sonnenkönig soll von der heilsamen Wirkung des Wassers derart angetan gewesen sein, dass er es aus der 450 Kilometer entfernten Auvergne an den Versailler Hof karren liess – womit der Siegeszug des Wasserflaschenhandels starten konnte.
Wasser der Prächtigen und Mächtigen
Eine Sonne auf dem Etikett erinnert heute noch an den königlichen Förderer. Auch gehört Châteldon nach wie vor zu den bevorzugten Wässern der Prächtigen und Mächtigen. Im St. Moritzer Kempinski wird die Literflasche für 42 Franken kredenzt. Ein stolzer Preis. Doch ist Châteldon bei weitem nicht das teuerste Mineralwasser, das die Moderne zu bieten hat. Ein Hochkaräter im wahrsten Sinne des Wortes ist «Bling H2O». Die Flasche à 7,5 dl schlägt mit rund 80 Franken zu Buche. Das Edelwasser aus den Bergen von Tennessee wird laut Hersteller nur in einer jährlich limitierten Menge produziert, neunmal gefiltert und mit einem Naturkorken verschlossen. Das Wertvollste daran dürfte jedoch die Flasche sein. Von Hand applizierte Swarovski-Kristalle gereichen der satinierten Bouteille wortwörtlich zur Brillanz.
Auf der Karte von Arno Steguweit ist Bling allerdings nicht zu finden. «Damit kauft man keine Qualität, sondern nur eine feudale Flasche», moniert er. Ebenso fragwürdig ist der Preis für Rokko No Mizu, das japanische De-luxe-Mineralwasser schlechthin. Es kostet je nach Anbieter das Doppelte von Bling. Beim Grossverteiler vor Ort soll das Schickimicki-Wasser aus dem Rokko-Gebirge jedoch für weniger als zwei Franken erhältlich sein.
Das «blaue Gold»
Zwei Wasserstoffatome, ein Sauerstoffatom: Dies ist die simple chemische Grundformel eines Produktes, das heute als «blaues Gold» gehandelt wird, wenn es auch noch Spuren von Mineralien enthält. Extravagante Mineralwässer sind die Schaumkrone auf einer Woge, die den fitnessbewussten Westen vor Jahren erfasst hat. Sichtbarer Ausdruck sind die Plastikflaschen, die wie Blackberry und iPod zur Standardausrüstung des Modernisten gehören. «Man macht damit eben einen sportlichen und leicht abgehobenen Eindruck», sagt Beda Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie der Uni Bern. Ihn wundere eigentlich nur, so der streitbare Querdenker, warum die Flaschen nicht wie Barry-Fässchen um den Hals getragen würden.
Ebenso bissig kommentiert Udo Pollmer, Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.) den Boom: «Früher nahm man ein Buch mit, um den Wissensdurst zu stillen. Heute füllt man sich den Kopf mit Wasser.»
Die Mineralwasserflut steigt
Ketzerisch stellt er die Frage: «Wird auch darüber nachgedacht, welche Wirkung stark mineralhaltiges Wasser auf die Bildung von Nierensteinen hat?» Wohl kaum. Der globale Flaschenwassermarkt wächst jedenfalls jährlich um rund zehn Prozent. Über 3500 Mineralwässer sind heute im Handel.
Zumindest haben die hochpreisigen darunter den Vorteil, mit mehr Bedacht getrunken als literweise gekippt zu werden. Man delektiert sich an den teuren Tröpfchen der Etikette entsprechend nippend. In Gourmet-Lokalen wählt man heute denn auch nicht mehr nur den passenden Wein zum Menü, sondern auch das passende Wasser zum Wein.
Nur Banausen bestellen einen Schnitz Zitrone und verhunzen damit das fein ausbalancierte Zusammenspiel von Mineralstoffen und Spurenelementen, das Kenner so eloquent zu lobpreisen wissen. Ebenso verpönt sind übrigens Eiswürfel. Es sei denn, sie bestehen aus dem gleichen Wasser, wie im Glas perlt. Ein zusätzlicher Kostenfaktor zwar, der bei den wunderlichen Preisen der Prunktrünke jedoch kaum mehr ins Gewicht fallen dürfte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.07.2009, 06:25 Uhr



