Spaghetti ist Opium fürs Volk

Von Stephanie Riedi . Aktualisiert am 30.10.2009 10 Kommentare

Nahrung ist mehr als Brennstoff für den Körper. Richtig zubereitet, beflügelt sie den Geist oder besänftigt das aufbrausende Gemüt. Denn Kochen ist Alchemie.

Etwas fürs Gemüt: Spaghetti Napoli heben die Stimmung, denn Tomaten setzen bei langem Kochen psychoaktive Substanzen frei.

Etwas fürs Gemüt: Spaghetti Napoli heben die Stimmung, denn Tomaten setzen bei langem Kochen psychoaktive Substanzen frei. (Bild: Keystone)

Worin unterscheidet sich die rohe von der gekochten Tomatensauce? Erstere ist leichter, vitaminreicher und schneller zubereitet. Ergo entspricht sie dem Zeitgeist, was Ernährungsregeln und Aufwand anbelangen. Punkto Beliebtheit liegt sie allerdings meilenweit hinter dem klassischen Sugo zurück. «Die psychoaktiven Substanzen», lüftet der wissenschaftliche Informationsdienst «Eu.l.e.n-Spiegel» das Geheimnis, «entstehen eben erst beim stundenlangen milden Simmern.»

Damit attestiert das Europäische Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (Eu.l.e.) mit Sitz in München dem Teller Spaghetti Napoli die Wirkung eines Seelenschmeichlers. Vorausgesetzt, die Sauce wurde in klassischer Manier gezaubert. Unter der Leitung des Lebensmittelchemikers Udo Pollmer haben die Experten von Eu.l.e. Studien aus aller Welt analysiert, um der psychischen und physischen Wirkung begehrter Gaumenfreuden nachzuspüren. Fazit: «Der Mensch isst nicht nur, um satt zu werden, sondern auch, um sein Lebensgefühl zu steigern.»

Die Wirkung entscheidet

Bittere Kost für Ernährungsexperten und Fastfood-Designer. Weder sogenannt gesunde Bissen noch Aromentricksereien garantieren offenbar Wohlgefühle beim Essen. «Jedes Nahrungsmittel erfordert spezielle Regeln der Zubereitung», sagt Pollmer. In Labors werde bloss am Geschmack herumgetüftelt. «Entscheidend für den Erfolg einer kulinarischen Kreation ist jedoch nicht der Gout, sondern die Wirkung.» Bei der Napolisauce alla Nonna etwa sind es die in Tomaten enthaltenen Aminosäuren, ätherischen Öle, Zucker und Neurotransmitter-Analoga, die bei längerem Simmern zu Stimmungsaufhellern mutieren.

Ironischerweise gehören zu den Hoch- respektive Highgenüssen grösstenteils Speisen, die Schlankheitsbeflissene fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Zum Beispiel Wurstwaren: «Durch die reaktiven Amine des Eiweissanteils und der Fleischreifung entstehen Amphetamine», lautet die Erklärung im Fachjargon. Gepökeltes mit Nitritpökelsalz ermögliche zudem, «Halluzinogene zu erzeugen». Weitere Tickets zum Träumen sind gemäss Forschung gegrillte Poulets, Braten, Pilze, Weihnachtsgebäck, Nüsse und Käse, insbesondere Schimmelsorten wie Stilton, denen ein psychotroper Effekt nachgesagt wird.

Kochen ist Alchemie

Kochen ist Alchemie. Das wusste schon Hildegard von Bingen (1098–1179). Die benediktinische Äbtissin vom Kloster Rupertsberg im deutschen Bingen war Mystikerin und Heilkundige in Personalunion. Ihre Küchentipps ähneln Erfahrungsberichten von Drogentrips. Über Fenchel schrieb sie euphorisch: «Er macht den Menschen lustig, gibt eine schöne Farbe und guten Körpergeruch.» Von Lauch riet die zölibatäre Klosterfrau hingegen ab, weil er die Libido anzuregen scheint respektive «ruheloseste Sinnengier» erzeugt.

Die Kunst, Nahrungsmittel so zu präparieren und zu servieren, dass sie Körper und Geist befriedigen, zeichnet Hochkulturen aus. Bei Naturvölkern waren Pasten und Tinkturen mit berauschenden Substanzen meist den Schamanen vorbehalten, die den «Stoff» konsumierten, um mit den Geistern zu kommunizieren. «Dank der kulturellen Evolution respektive der Kochkunst», sagt Andrea Fock vom Eu.l.e.-Team, «wurde aus der Nahrung für die Geister Nahrung für den Geist.»

Keine Wahnideen à la LSD

Natürlich nur in bescheidenem Rahmen. Bis auf wenige Gewürze rufen Nahrungsmittel keine Wahnideen à la LSD hervor. Aber sie beeinflussen das Befinden. Ohne Kaffee am Morgen läuft schliesslich gar nichts. Und ein Stück Schokolade versüsst zweifellos den Tag. Die Banane wiederum – im reifen Zustand mit bis zu einem Prozent Ethanol gesegnet – gibt den Kick, um die restliche Arbeit konzentriert zu bewältigen. Umgekehrt hilft eine Tasse Honigmilch beim Chillen und Einschlafen. Hausmittelchen solcher Art werden seit Generationen gehandelt.

In den Fokus der Forschung gelangten sie indes erst in jüngster Zeit. Heute gilt ihre Wirkung auf die menschliche Biochemie als wissenschaftlich unbestritten. Mehr noch: Schokolade ist gar vom reinen Genussmittel zum Gemütsstimulans und Herzschrittmacher avanciert. Zahlreiche Untersuchungen rund um den Globus belegen, dass eine tägliche Ration schwarze Schoggi den Blutdruck senken und Herz-Kreislauf-Problemen vorbeugen kann.

Ebenso Erfreuliches bescheinigen die Eu.l.e.-Wissenschaftler dem Weizen. «Mehlspeisen, Pizza und Gebäck», so die Studienergebnisse, «wirken dank Exorphinen im Weizenkleber wie pharmakologische Trostpflaster bei körperlichem und seelischem Schmerz.» Exorphine sind Opiate, die den körpereigenen Drogen, den Endorphinen, ähneln. Deshalb dürften modernistische Genussinquisitoren im Kampf gegen Weissmehlprodukte auf verlorenem Posten stehen – wie letztlich wohl bei allen Speisen mit ausgesprochenem Spassfaktor.

Mohnbrötchen auf dem Index

Ein Blick in fremdländische Küchen zeigt, dass fast alle Kulturen bewusstseinsverändernde Rezepturen kennen und pflegen, selbst wenn diese verboten sind. Die Chinesen etwa lieben es, dem Kochgut Mohnkapseln beizugeben. Das ist zwar illegal, wird aber dennoch praktiziert – und bei entsprechender Gegenleistung toleriert. Schliesslich bestehen Behörden auch nur aus Menschen, die eine heitere Gelassenheit meist zu schätzen wissen.

Der Mohn ist übrigens ein gutes Beispiel, wie Opiat enthaltende Produkte legal genutzt werden können: Vier Milligramm Morphin pro Kilo Speisemohn sind die gesetzlich zulässige Höchstmenge. «Verunreinigungen» sind indes gang und gäbe. Deshalb wurden Mohnbrötchen in deutschen Gefängnissen auf den Index gesetzt. Die Urinproben der Insassen wiesen Spuren auf, die auch von Heroin hätten stammen können.

Stimmungsmacher sind ein gefragtes Gut. Was historische Überlieferungen ebenso bestätigen wie neue Forschungsergebnisse. «Der Effekt einer gelungenen Mahlzeit», sagt der wissenschaftliche Leiter von Eu.l.e., Udo Pollmer, «hängt eben nicht von Porzellan, Stoffservietten und Silberbesteck ab, sondern einzig vom Knowhow der Köche und Bäcker.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2009, 07:05 Uhr

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10 Kommentare

Federico Bizzarro

30.10.2009, 17:03 Uhr
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Eine schöne Reportage übers Essen für Körper und Geist. Schade das Bild: weisse Pasta wird lieblos mit etwas Rotem übergossen: Pasta a la Deutschschweiz! Gute Pasta muss al dente im Sugo unter heftigem rühren fertig gegart werden. Nur so löst sich die Stärke der Teigwaren im Sugo, der dickflüssig und crèmig wird , Parmesan drüber - ein Genuss. Antworten


Andreas Siegrist

30.10.2009, 09:39 Uhr
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Das zeigt wieder einmal, wie unmöglich es ist ohne psychoaktive Substanzen zu leben. Trotzdem wollen gewisse Gruppierungen, die ich hier nicht nennen möchte, die Ideen aus dem Mittelalter weiterführen und einzelne zufällig gewählte Substanzen zu verbieten. Diese Hexenverfolgung ist einfach nicht mehr zeitgemäss. Ich hoffe die Politiker und das Volk sehen das mal ein Antworten



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