Vegetarier ärgern sich grün
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Mehr als Kraut und Rüben: Wo «Vegis» gerne essen
Beim Italiener, Inder, Chinesen, Thailänder und Türken ist die fleischlose Kost kein Problem. Restaurantliste des SVV via Handy anfordern: http://mobil.vegetarismus.ch
Hirscheneck Lindenberg 23, 4058 Basel Tel. 061 692 73 33 www.hirscheneck.ch Mo/Sa morgens geschlossen Alternativbeiz mit kreativer Küche
3dosha Moserstrasse 25, 3014 Bern Tel. 031 331 13 73 www.3dosha-ayurveda.ch So geschlossen Mittags Buffet, abends grosse Reistafel
Grandhotel Giessbach 3855 Brienz Tel. 033 952 25 25 www.giessbach.ch Mo und im Winter geschlossen Mehrgang-Menüs für Vegi-Gourmets
Bleichi 23 Bleicherstrasse 23, 6003 Luzern Tel. 041 410 85 65 www.bleichi.ch So geschlossen Schöne Präsentation feiner Köstlichkeiten
Ferieneck Hohnegg 3906 Saas Fee Tel. 027 957 22 68 www.hohnegg.ch Mo geschlossen Fantasievolle Hausmannskost, auch vegan
Schützenstube Schützengraben 27, 8200 Schaffhausen Tel. 052 625 42 49 www.schuetzenstube.ch Sa für Gesellschaften, So geschlossen. Schmuckes Lokal, schmackhafte Küche
Madhura Obere Hauptgasse 55, 3600 Thun Tel. 078 898 86 26 www.madhura-thun.ch So/Mo und Di/Mi abends geschlossen. Sphärisch puristische Ambiance, Gesundkost
Bona Dea Bahnhofplatz 15, 8001 Zürich Tel. 044 217 15 15 www.bona-dea.ch Täglich geöffnet Buffet mit Vegi-Gerichten aus aller Welt
Hiltl Sihlstrasse 28, 8001 Zürich Tel. 044 227 70 07 www.hiltl.ch Täglich geöffnet Schlemmerparadies für Vegis
Pot au Vert Hotel Limmathof Limmatquai 142, 8001 Zürich Tel. 044 261 42 20 Sa/So geschlossen 3-Gang-Menüs, biedere Ambiance
SamSeS Langstrasse 231, 8005 Zürich Tel. 044 440 13 13 www.samses.ch So geschlossen Mittags grosses Buffet, abends à la carte
Tibits www.tibits.ch täglich geöffnet Selbstbedienung, Spezialitäten aus aller Welt.
Stänzlergasse 4, 4051 Basel Tel. 061 205 39 99
Bahnhofplatz 10, 3011 Bern Tel. 031 312 91 11
Oberer Graben 48, 8400 Winterthur Tel. 052 202 73 33 Seefeldstrasse 2 8008 Zürich Tel. 044 260 32 22
Nur Eingeweihte wissen um die leise Sensation im neuen «Gault Millau». Die Gastrokritiker loben das Restaurant Le Tapis Rouge im Grandhotel Giessbach in Brienz für seinen «Quantensprung» und verleihen ihm neu 14 Punkte. Dort gibt es nämlich Fleischloses vom Feinsten. «Fünfzehn Prozent unserer Klientel wählt Vegetarisch», sagt Vera Weber, Präsidentin des Giessbach-Verwaltungsrats.
Die Tochter des streitbaren Umweltschützers Franz Weber setzt selbst auf Blumenkohl statt Braten, und zwar seit eh und je. Als Vegi-Botschafterin straft Vera Weber Spötter aus der Fleischfraktion Lügen, was das Klischee vom blutleeren Körnlipicker anbelangt. Die Blondine, von der Presse gerne als «Waadtländer Bardot» tituliert, strahlt Charme und Charisma aus. Mehr noch: Als gelernte Hotelfachfrau tritt Vera Weber vehement dafür ein, dass zumindest in ihrem Haus die Vegetarier von Chefkoch Peter Durst ebenso beglückt werden wie die Karnivoren vom «Gault Millau».
Quantité négligeable
Denn noch immer hat die stetig wachsende Vegi-Gemeinde auswärts schwer an dem zu kauen, womit sie normalerweise abgespeist wird. Nur beim Inder, Italiener, Türken und Chinesen kommt sie auf ihre Kosten; in der Mittelpreis-Gastronomie hingegen scheinen Vegis nach wie vor eine Quantité négligeable zu sein. Zwar zwingt man ihnen heute keine Alibi-Gemüseteller mehr auf. Aber das Speiserepertoire variiert zumeist zwischen Pasta und Pasta. «Warum», fragt Vera Weber zu Recht, «muss ich im gutbürgerlichen Restaurant Pasta essen?» Wenn sie Lust darauf hätte, ginge sie zum Italiener. «Da weiss ich wenigstens, dass die Spezialitäten gekonnt zubereitet und lecker sind.»
Vor allem in traditionellen Lokalen wie der Zürcher Kronenhalle oder Basler Kunsthalle futiert man sich um Fleischabstinenzler. Ebenso in Gourmetgaststätten, wo der französischen Küche gehuldigt wird. Allerdings lohnt es sich dort, nachzufragen. Spitzenköche wie Horst Petermann von den Kunststuben in Küsnacht oder Bernard Ravet von der L’Ermitage in Vufflens-le-Château zaubern auf Wunsch sogar vegetarische Mehrgangmenüs.
In Hollywood ein Big Business
Und sie liegen richtig damit. Wie eine Umfrage der Fleisch-Branchenorganisation Proviande zeigt, sind rund fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung Vegetarier – was einer leichten Steigerung der Befragung von 2001 entspricht. Der Anteil von Frauen und Männern unterscheidet sich heute kaum mehr. Neu hinzugekommen ist indes die Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen. Ein Viertel davon soll, laut Proviande, «bereits als Vegetarier aufgewachsen» sein.
Ähnlich das Ergebnis einer Studie der Friedrich-Schiller-Universität in Jena: Auch sie konstatiert einen Zuwachs bei «jungen, überdurchschnittlich gebildeten, städtischen» Konsumenten. Ausserdem stellt sie fest, dass über 60 Prozent der 2571 Befragten das Fleischtabu aus «moralischen Gründen» pflegt, gefolgt von Gesundheitsaspekten.
Seit Hollywood einen Heisshunger auf Grünzeug entwickelt hat, schiessen zumindest in Kalifornien Vegi-Lokale wie Pilze aus dem Boden. Dank Promis wie Richard Gere, Julia Roberts, Gwyneth Paltrow und Keanu Reeves, die dem Fleisch abgeschworen haben, wartet der US-Bundesstaat bereits mit über 300 Vegi-Beizen auf. Hierzulande scheint nicht einmal die Broccolipropaganda der Ex-Miss-Schweiz Lauriane Gilliéron gefruchtet zu haben. Bloss die Migros hat ein bisschen mobil gemacht. An den Takeaway-Theken grösserer Filialen lockt sie mit Vegetarischem respektive Veganem. Die Gerichte entsprechen den strengen Richtlinien der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus (SVV) und sind mit dem europäischen V-Label zertifiziert.
Vegi-Beizen-Handyservice
Der SVV hat zudem kürzlich einen Handyservice lanciert, der im Nu das nächstgelegene Restaurant mit Vegi-Spezialitäten eruiert. Allerdings ist die Liste ernüchternd. Das Motto, «Vegetarier essen nicht, sondern ernähren sich», scheint immer noch Gültigkeit zu haben. In den meisten Vegi-Beizen spielen Wohlfühlfaktoren wie Ästhetik und Behaglichkeit keine Rolle. Darüber hinaus sind die Lokale oft alkoholfrei. Oder aber sie schliessen am frühen Abend, als gingen Vegetarier mit den Hühnern zu Bett.
Rigide Hausregeln stossen in einer hedonistisch geprägten Gesellschaft zwangsläufig auf. Deshalb musste die älteste Gemüsestube in Basel, das Gleich, im vergangenen Jahr Konkurs anmelden. Allzu sehr fühlte man sich dort an die eigene Sterblichkeit erinnert; es herrschte stets Grabesstille. Desgleichen im Zürcher Stammhaus an der Seefeldstrasse, dem schon Jahre zuvor die Klientel abhandengekommen war.
Wein und Wurzel zum mitnehmen
Einer, der den Paradigmenwechsel rechtzeitig erkannt hat, ist Rolf Hiltl, Patron in vierter Generation des gleichnamigen Restaurants an der Zürcher Sihlstrasse, das dieses Jahr seinen 111. Geburtstag feiern konnte. Unter Hiltls Ägide hat sich das erste «Vegetarierheim und Abstinenz-Café» Europas zum urbanen Gourmetlokal gemausert, das seinesgleichen sucht. Mittags stehen die Hungrigen bis aufs Trottoir Schlange. Abends ist das Haus bis auf den letzten Stuhl besetzt.
Wie kommts? Erstens ist Hiltl ebenso wenig ein Dogmatiker wie Vera Weber vom Grandhotel Giessbach. Er kokettiert sogar gerne damit, sich gelegentlich ein Stück Fleisch zu gönnen. Zweitens hat der Gastronom den einstigen «Wurzelbunker» dem Zeitgeist angepasst: Er kredenzt Wein zu den Vegi-Freuden und bietet diesen auch zum Mitnehmen an.
Das Tibits expandiert weiter
Das Gleiche gilt für Hiltls Tibits-Lokale in Zürich, Basel, Bern, Winterthur und London. Ähnlich wie das Zürcher Stammhaus ist das Tibits Restaurant und Takeaway zugleich. Allerdings müssen sich die Gäste selber bedienen. Was der stetig wachsenden «Tibitsianer-Gemeinde» jedoch wurst zu sein scheint. Jedenfalls freut sie sich darauf, in Luzern und St. Gallen bald weitere Stammbeizen zu haben.
Logisch, dass auch Vera Weber das Hiltl favorisiert. Wenn sich die Vegi-Botschafterin mal nicht im Giessbach verlustiert oder eine Robbenschutzaktion organisiert, esse sie «ausserordentlich gerne» dort, sagt sie. «Die Küche ist fantastisch, eine Quelle der Inspiration.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.12.2009, 07:59 Uhr



