Insekten auf dem Menü 1?

Der Medienhype bezüglich Grillen und Heuschrecken ist gross. Doch in der Alltagsküche werden sie sich kaum durchsetzen.

Mehlwürmer dürfen seit Anfang Monat als Lebensmittel verkauft werden.

Mehlwürmer dürfen seit Anfang Monat als Lebensmittel verkauft werden. Bild: Ben Margot, Keystone

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Seit Anfang Monat dürfen in der Schweiz von Gesetzes wegen Insekten zum Verzehr angeboten werden. Konkret: Erlaubt sind Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmer. Doch wird man jetzt künftig von Rorschach bis Genf Krabbeltiere statt Bratwürste grillieren? Wird sich an unserer täglichen Ernährung etwas ändern? Kommen beispielsweise in der Quartierbeiz bald gebratene, knusprige Würmchen auf den Salatteller?

Wem solches widerstrebt, kann beruhigt werden: Einmal mehr wird die Sache nur halb so heiss gegessen, wie sie gekocht wurde. Fortschrittlich gibt man sich bei Coop: Man plant, in den nächsten Wochen Burger und Hackbällchen aus Insekten ins Regal zu stellen - notabene also Produkte, denen man nicht unbedingt als Erstes ansieht, was drin ist. Eine wichtige Rolle dürfte hier die mediale Aufmerksamkeit spielen: Der Name der Detailhandelskette ist beim Thema Insekten derzeit in aller Munde.

Versuche in SV-Kantinen

Etwas vorsichtiger gibt man sich bei der auf Gemeinschaftsverpflegung spezialisierten SV Group, die über 300 Restaurants und Kantinen betreibt: «Mehrheitsfähig sind Insekten als Lebensmittel wohl noch nicht», äusserte sich Manuela Stockmeyer Ende April. Man probiere aber da und dort «versuchshalber» das eine oder andere Gericht mit Insekten-Zugabe aus. Im Rahmen einer Streetfood-Woche etwa wurde an rund 30 Standorten Falafel angeboten, die als Zutat unter anderem Mehlwürmer enthielten. Als Grund für das Experiment nennt die Pressesprecherin der SV Group die Nachhaltigkeit, die Insekten als Lebensmittel auszeichne.

Macht der Fakt, dass die Aufzucht von Grillen und Heuschrecken im Vergleich zu Rindern weniger Ressourcen verbraucht, sie gerade automatisch zum «Fleisch der Zukunft»? Weil es sich bei den Insekten um hervorragende Proteinlieferanten handelt? Da darf man seine Fragezeichen setzen, denn das weltweite Verteilungsproblem bleibt ungelöst - man geht davon aus, dass wir global jetzt schon genug Kalorien für 12 Milliarden Menschen produzieren. Etwas überspitzt gesagt: Den Hungernden in der Dritten Welt hilft es wenig, wenn wir hier in den Industriestaaten sorgsamer mit unseren Speiseplan überdenken. Auch wenn ähnliches von Eltern am Familientisch, meist mit erhobenen Mahnfinger, immer wieder so behauptet wird, wenn der Nachwuchs nicht essen mag.

Das Tötungsargument bleibt

Hinzu kommt: Es werden wohl nur wenige Vegetarier, eine zurzeit wachsende Bevölkerungsgruppe, dem Tofu, den Bohnen und dem Quornschnitzel abschwören und plötzlich auf die Kleinstlebewesen setzen. Weil halt auch Insekten Tiere sind - und weil auch sie vor dem Genuss getötet werden müssen. Zwar wurde schon gezeigt, dass die Empathie je minderer ist, je kleiner ein Tier ist: «Wer sich in Westeuropa oder den USA als Tierfreund fühlt», so schreibt etwa der Tierrechtler und Philosoph Richard David Precht, «denkt in den seltensten Fällen an Käfer, Hyänen, Ratten und Seeigel.» Wer sich aber grundsätzlich dagegen ausspricht, dass Tiere zum Essen umgebracht werden und die Sache zu Ende denkt, dürfte auch keine Insekten in seinen Speiseplan aufnehmen.

Die historische Komponente sollte nicht vergessen werden: Unsere Ernährung ist immer auch ein Spiegel unserer Kultur. Selbst wenn Insekten auf fast allen Kontinenten verspeist werden (ausgenommen sind eben Nordamerika und Europa), hat man sich in unseren Breitengraden bisher nicht dafür interessiert – vor allem weil uns zu viele alternative Nahrungsquellen offen stehen.

Maikäfersuppe gegen die Hungersnot

Treffsicher schreibt die Journalistin Louise Gray in ihrem Buch «Richtig Tiere essen?!»: «Wir hatten über hundert Jahre Zeit, uns mit dieser Idee anzufreunden, aber ich fürchte, wir sind immer noch nicht offener dafür als im viktorianischen Zeitalter.» Die Möglichkeit, unseren Horizont zu erweitern, hätten wir gehabt, denn schon lange kennt man ja auch bei uns Insekten als Nahrung: Johannes der Täufer soll sich von Heuschrecken und Honig ernährt haben; in Deutschland und Frankreich machten in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts Rezepte für Maikäfersuppe gegen die Hungersnot die Runde. Gray räumt ein, dass Insekten als exotische Bereicherung in der hippen Gastronomie dienen könnten. So wie beispielsweise jetzt schon Käse mit lebenden Maden, der da und dort als Mutprobe gereicht wird.

Damit sich Insekten als Nahrungsquelle in der westlichen Gesellschaft durchsetzen, müsste das hiesige Denken von Grund auf geändert werden. Das heisst: Man müsste eigentlich schon ganz kleinen Kindern beibringen, Mehlwürmer und Heuschrecken zu essen. Was gar nicht so schwer sein dürfte, denn wer hat als Knirps nicht schon mal einen Regenwurm in den Mund stecken wollen?

Nur auf diesem Weg könnten Grillen und Heuschrecken eines Tages so beliebt sein wie heute Crevetten, die man in der Schweiz anfangs ebenfalls mit Vorsicht genoss. Doch dafür müssten, wenn man denn dieses Ziel verfolgt, alle am gleichen Strang ziehen. Doch wie hat sich die Migros zum Thema Insekten als Lebensmittel zitieren lassen? «Wir beobachten die Situation, haben bis jetzt aber noch nichts Konkretes diesbezüglich geplant.»

Erstellt: 10.05.2017, 15:19 Uhr

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