Weine für 2.95 Franken – was taugen «Château Aldi» und Co.?

Discounterweine sind beliebt, nicht nur während des Januarlochs. Unser Gastrokritiker hat verschiedene Tropfen verkostet. Sie waren besser als erwartet.

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Nach Gänsebraten und Champagnerapéros folgt das Januarloch. Auch Geniesser kommen angesichts des finanziellen Engpasses in Versuchung, sich zu bücken – vor dem Weingestell beim Discounter. Um sich eine der Flaschen aus dem untersten Ladenregal zu schnappen, denen er sonst snobistisch aus dem Weg geht: den verdächtig günstigen Weinen von Lidl, Aldi oder Denner.

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Sind diese Tropfen so schlecht, wie man annimmt? Dies herauszufinden war Ziel einer kleinen Degustation, für die mehrere Discounterweine zu Hause entkorkt wurden. Wobei «entkorkt» ja bereits das falsche Wort ist: In aller Regel haben besagte Weine einen Drehverschluss. Zu den im Fachjargon «Ummantellungskosten» genannten Aufwänden werden neben Verschluss- und Flaschenkosten auch die Ausgaben fürs Etikett und die Kartonkiste hinzugezählt. Im EU-Raum muss man hierfür mindestens 30 Cent veranschlagen, hinzu kommen bei solchen Qualitäten ungefähr 60 bis 150 Cent für den eigentlichen Wein – im Laden ist der Wein dann noch nicht. Was zur Frage führt, wie gut denn dieser Inhalt überhaupt noch sein kann.

Zum Fondue? Wieso nicht

Um es vorwegzunehmen: Die probierten Weine waren nicht bodenlos schlecht. Ein Chasselas aus der Romandie, erhältlich bei Aldi für 3.99 Fr. und damit der teuerste probierte Tropfen, hatte eine für diese Sorte typische apfelig-blumige Nase und wirkte insgesamt angenehm frisch. Nun gut, vielleicht war die Aromatik ein wenig eindimensional, die Säure spitz, aber viele Konsumenten, die in der Schweiz durchschnittlich über 20 Franken pro Sieben-Dezi-Flasche ausgeben, dürften diesen Chasselas zu einem Fondue oder Raclette durchwinken.

Eine erste Lektion, wie man günstigen Wein ins Regal bringt, kann man hier lernen: Die Bezeichnung «Vin de Pays Suisse» erlaubt es, (Rest-)Weine aus verschiedensten Schweizer Regionen zu verschneiden; bei der Bezeichnung «AOC» für höherklassige Weine ist die Herkunft klarer umrissen. Eine Erntemengenbegrenzung ist übrigens bei beiden Qualitäten vorgeschrieben, wenngleich auch nicht gleich streng. Generell lässt sich konstatieren, dass die Weissweine fehlerfrei sind. Sie alle tragen den Jahrgang 2015, denn günstige Weine (auch die roten) sind jung, damit möglichst geringe Lagerkosten anfallen. Was die Weissen vermissen lassen, ist aromatische Komplexität, einen merklichen Charakter. Das gilt besonders bei einem sehr neutralen Chardonnay aus dem französischen Pays d’Oc (bei Denner für 2.95 Fr.).

Auch ein Chenin Blanc von Lidl mit Herkunftsbezeichnung «Western Cape» – was ungefähr der 99 Prozent der Rebfläche Südafrikas entspricht – vermag im grossen Ganzen zu überzeugen. Wegen seiner 13 Prozent Alkohol wirkt der Tropfen körperreich; es lassen sich Aromen von Melone, Apfel und Zitrone ausmachen. Bloss wirkt die Säure des Weins aufgesetzt, sie bleibt am Gaumen hängen. Gut möglich, dass künstlich Weinsäure hinzugegeben wurde, was in Südafrika aufgrund der klimatischen Verhältnisse üblich ist. Trotzdem erstaunlich, dass der Wein nicht mal drei Franken kostet, hat er doch eine Reise von rund 10 000 Kilometern hinter sich. Für praktisch alle Weine in dieser Preisklasse gilt: Das Traubengut wird industriell geerntet und verarbeitet, eine Fasslagerung entfällt (allenfalls kommen Eichenchips fürs entsprechende Aroma zum Einsatz); zudem wird kein Marketing betrieben – wieso auch?

Noch günstiger als die Glasflasche ist natürlich das Tetrapak.

Auch die probierten Rotweine sind überraschend trinkbar: So hat ein Barbera d’Asti (Lidl, 2.95 Fr.) eine einladende Nase, die von Kirscharomen dominiert wird. Das erste Mundgefühl ist rund, der positive Eindruck wird dann aber durch grüne Gerbstoffe und die damit einhergehende Bitterkeit gestört.

Mit diesem Barbera, der das Gütesiegel «DOCG» trägt, also die höchste in Italien vergebene Qualitätsstufe, liesse sich ein interessantes Experiment durchführen: Man könnte ihn neben einem besseren Barbera verkosten – es ist davon auszugehen, dass auch ungeübte Geniesser bemerken, dass da zwei verschiedene Qualitäten im Glas sind. Sprich: Dass der billigere Wein aromatisch deutlich nuancenärmer daherkommt als sein besseres Pendant. Die Frage, die sich darauf jeder stellen muss: Will er für die zusätzliche Komplexität auch tatsächlich einen fünf-, sechsmal höheren Preis bezahlen?

Der «Best Buy» bei den Roten

Bei den Rotweinen lässt sich folgendes Fazit ziehen: Meist sind sie eher bitter. Das sieht man auch beim australischen Shiraz/Cabernet Sauvignon von Aldi (3.45 Fr.), der in der Schweiz bei Weinwelt in Martigny abgefüllt wird. Hier fällt zudem eine leichte Restsüsse auf, die den Wein insgesamt eher rund erscheinen lässt, auch weil Säure und Gerbstoffe so abgemildert werden. Was aber fehlt: Die aromatische Typizität, die dieser australischen Cuvée sonst zu eigen ist.

Der «Best Buy» bei den Roten war übrigens ein Spanier namens «Toros» 2015 von Denner für 2.95 Fr. aus der Traubensorte Monastrell. Zwar sind auch hier grüne Noten spürbar, doch würde man sie bei der Blindverkostung wohl als «typisch spanisch» hinnehmen. Erst recht, wenn der Tropfen bei einer Galerie-Vernissage ausgeschenkt wird und noch ein paar Oliven nebenher serviert werden.

Günstiger als die Glasflasche ist natürlich das Tetrapak: Ein jahrgangsloser Rotwein von Aldi (1,5 Liter für Fr. 2.89) schmeckt ein wenig wie Himbeersirup. Der herkunftslose, in Italien abgefüllte Wein, bei dem nicht mal eine Traubensorte angegeben wird, macht beim Verkosten wenig Spass. Lust zum Runterschlucken hat man hier grad gar nicht. Und darum bleibt auch offen, ob der Tropfen am nächsten Morgen Kopfschmerzen verursacht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2017, 09:38 Uhr

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