Wer isst, tötet

Louise Gray hat zwei Jahre lang nur Tiere gegessen, die sie selbst getötet hat. In ihrem neuen Buch zeigt sie, wie man bewusster Fleisch isst.

Essensbeschaffung: Autorin Louise Gray mit einem selbst geschossenen Hirsch. Foto: Louise Gray

Essensbeschaffung: Autorin Louise Gray mit einem selbst geschossenen Hirsch. Foto: Louise Gray

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Ein ganzes Kapitel des Sachbuchs «Richtig Tiere ­essen?!» ist Alison Brierley gewidmet. Ihr Äusseres erinnert an eine Mangafigur: Sie trägt einen schwarzen Ledermini, kniehohe Stiefel und blonde Dreadlocks, in denen Tierknochen eingearbeitet sind. An ihrem Auto hängen Fuchsschwänze. Irritierender noch als das Erscheinungsbild der Engländerin ist ihre Art, sich Nahrung zu beschaffen. «Road Kill ­Recycling» nennt sie die Methode oder manchmal auch zurückhaltender «urbane Nahrungssuche». Das heisst: Sie sammelt Fasane, Rehe, Kaninchen, die von Autos angefahren wurden und tot am Strassenrand liegen. Am besten sei der Montagmorgenverkehr, «man findet am ehesten frisch getötete Tiere, die von einem der vielen Pendler überfahren worden sind». Diese Tiere häutet, kocht und isst Alison Brierley dann.

Was auf den ersten Blick befremdlich erscheint, ist vielleicht gar nicht so verkehrt: «Was ist seltsamer: einen (überfahrenen) Fasan zu essen, der nach Herbstregen riecht und nach Wild und Honig schmeckt?», fragt die Buchautorin Louise Gray, «oder ein Huhn zu essen, das nach nichts schmeckt und vier kurze Wochen in seiner eigenen Scheisse gelebt hat? Ich persönlich weiss, was ich merkwürdiger finde», antwortet sie gleich selbst.

Gray hat ein mehrmonatiges und für ihr Leben folgenreiches Experiment gewagt: Sie hat nur Tiere verspeist, die sie selbst getötet hat. Im Rahmen ihrer Recherche ist sie auch auf die urbane Nahrungssucherin Brierley gestossen. Es ist nicht die einzige eindrückliche Begegnung in dem bemerkenswerten Buch, das kürzlich im Edel-Verlag erschienen ist.

Langsam und voller Demut

Bewegend ist zum Beispiel auch, wenn die Autorin Kevin Flemings beschreibt, den sie im Schlachthaus kennen lernt. Der Familienvater, der bis auf seine Fingerknöchel tätowiert ist, ist merkbar stolz auf seinen Job als Schlachter: «Ich will die armen Viecher nicht sterben sehen, aber es ist eine Arbeit, die getan werden muss.» Als Louise Gray sich von Flemings den Betrieb zeigen lässt, schildert sie dies wenig verherrlichend, sondern lässt die Details sprechen: «Ich versuche, nicht allzu genau hinzuschauen, was sich in den rotierenden Bürsten der Desinfektionsanlage verfangen hat. Ist das Fett? Sieht aus wie beim Spülen einer Pfanne, in der man Würstchen gebraten hat.» Schon bald wird es der Sachbuchautorin schlecht, sie bekommt zitternde Beine – und schaut sich darum kein zweites Mal an, wie ein Kalb stirbt. Auch als Leser hat man ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Auch als Leser hat man ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Achtzig Seiten später lesen wir, wie Louise Gray selber ein Huhn tötet, es rupft und ausnimmt. An die Stelle des Erschauerns über die Tierverarbeitungsindustrie, die sie im Schlachthaus erlebt hat, tritt nun genussreiche Freude am Essen. Auch hier ­beschreibt sie detailreich: «Letzten Endes lohnt sich die Mühe. Meine Freunde sind begeistert, wie aromatisch das gebratene Huhn schmeckt. Die Haut ist knusprig, das braune Fleisch saftig.» Sie beschreibt die zitronengelbe Bouillon, die sie aus den Innereien des Huhns gemacht hat. Und schliesst ab mit: «Ich esse dieses erstaunliche Tier langsam und voller Demut.»

Louise Gray verherrlicht oder idealisiert das Fisch- und Fleischessen nicht. Vielmehr führt sie eindringlich vor Augen, dass damit auch immer der Tod eines Tiers mitgedacht werden muss. Sie geht der Nahrung gewissermassen auf den Grund; verfolgt sie bis dahin, woher sie kommt. Eine Vor­gehensweise – nebenbei bemerkt –, die wohl auch bei Gemüse und anderen Lebensmitteln sinnvoll wäre. Und so sind wir dabei, wie die ehemalige ­Autorin für Umweltthemen beim «Daily Telegraph» auf ihre erste Hasenjagd geht, wofür sie sogar das Schiessen erlernt. Wie sie eine rituelle Schlachtung eines Opferlamms in Nordafrika erlebt. Und wie sie in Schottland in die hohe Kunst des Fliegenfischens eingewiesen wird – nicht ohne auch auf die ­problematischen Aspekte der dortigen Fischzuchten hinzuweisen.

Liste der getöteten Tiere

Moderne Ernährungsideen wie der Insektenverzehr – für den Louise Gray allerdings keine grosse Zukunft sieht, weil er sonst schon verbreiteter wäre – oder im Labor hergestelltes Fleisch werden ebenso thematisiert. Dass dies stellenweise mit bemerkenswert aktuellen Fakten und Zahlen unterlegt wird, lässt auch den einen oder anderen Schreibfehler vergessen, der sich in die deutsche Übersetzung eingeschlichen hat.

Während des Experiments «Wie ich ein Jahr lang nur Fleisch von Tieren ass, die ich selbst tötete» (so der Untertitel) isst Gray auffallend wenig Fleisch, wie eine vollständige Liste zeigt: ein gutes Dutzend Muscheln, ein paar Krebse, eine Taube und drei Fasane, ein halbes Schwein und einen Hirsch ... Welcher Fleischesser sonst weiss nach zwei Kalenderjahren (ihr Experiment dauerte länger als geplant) noch, welche Tiere er gegessen hat? Aber: Ist man dies den getöteten Tieren nicht schuldig?

«Ich mache Fehler», schreibt Gray im Nachwort, «aber ich bleibe dran».

Es wäre ein Leichtes, «Richtig Tiere essen?!» ­einfach abzutun als ein weiteres Sachbuch, das sich mit der aktuell viel diskutierten Problematik des Fleischkonsums auseinandersetzt – dies wäre jedoch ein Fehler. Dafür ist die Autorin zu reflektiert und ihr Buch zu kurzweilig geschrieben. Nicht zuletzt ist es lehrreich sowohl für Menschen, die sich konsequent fleischlos ernähren, als auch für überzeugte Karnivoren.

Denn Louise Gray, die nach Abschluss ihres ­Experiments zeitweilig zur Vegetarierin wurde, plädiert gewissermassen für einen dritten Weg: Sie ist nicht der Meinung, dass wir alle unser Fleisch selbst töten sollten – sie selbst macht dies inzwischen auch nicht mehr (und ist dankbar dafür, dass andere ihr diese wichtige Arbeit abnehmen). Aber man sollte sich, so ihr überzeugendes Fazit, ernsthaft damit befassen, dass das Fleisch aus nachhaltiger, das Wohl der Tiere ins Zentrum stellender Quelle stammt. «Ich mache Fehler, bin gefrässig und inkonsequent», schreibt sie im Nachwort, «aber ich bleibe dran. Das ist für mich der Kern dessen, was es heisst, eine anständige Fleischesserin zu sein.»

Will heissen: Tiere können durchaus auf dem Speisezettel stehen – wenn man sich deren Sterben bewusst ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 23:09 Uhr

Buch

Louise Gray: Richtig Tiere essen?! Wie ich ein Jahr lang nur Fleisch von Tieren ass, die ich selbst tötete. Edel-Verlag, Hamburg 2017. 352 S., ca. 28 Fr.

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