Adrenalinkick light

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 08.07.2010

In der Schweiz werden Klettersteige immer beliebter. Das Bergsteigen mit Eisenstangen ist aber nicht ungefährlich. Und kritische Stimmen befürchten, dass die Alpen so endgültig zum Freizeitpark verkommen.

1/10 Pinut-Klettersteig, Fidaz
Der erste der drei Abschnitte des rund 100-jährigen Klettersteigs führt über solide installierte Treppenabschnitte und einen kurzen Tunnel zu einer teilweise bewaldeten Terasse namens Pinut. Nach dem Überqueren der Hochwiese gelangt man über einen zweiten, etwas kürzeren Abschnitt zur Hochebene Pardatsch.

   

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10 Regeln für den Klettersteig

* Vor der Tour sich über die Wetteraussichten informieren; bei Gewitterneigung die Tour verschieben.
* Die Planung der Tour ist dem eigenen Können und dem Konditionsstand anzupassen.
* Den Rucksack sorgfältig packen.
* Die Ausrüstung nicht nur mitnehmen, sondern auch benützen.
* Am Klettersteig nach Möglichkeit klettern; das Drahtseil dient in erster Linie der Sicherung. Darauf achten, dass zwischen zwei Verankerungen jeweils nur eine Person unterwegs ist (Mitreissgefahr bei einem Sturz)
* Sorgfältig gehen, vor allem im Geröll, und keine Steine lostreten. In Rinnen und Schluchten nach Möglichkeit nur einsteigen, wenn sie frei sind, also keine anderen Bergsteiger in diesem Bereich unterwegs sind
* Unterwegs stets auf die Wetterentwicklung achten; bei einem Gewitter weg von Graten und Eisenteilen (sie wirken wie ein riesiger Blitzableiter)!
* Bei einem Wettersturz rechtzeitig umkehren! Selbst ein nur mässig schwieriger Klettersteig verwandelt sich bei Regen, Schneefall oder einem Temperatursturz (Vereisung) rasch in eine gefährliche Falle.
* Kein blindes Vertrauen in Drahtseile, Haken und Verankerungen; sie können beschädigt oder locker sein. Drahtseile nicht unnötig auf Zug belasten.
* Defekte Sicherungen stets in der Hütte oder im Tal (bei der Polizei oder im Verkehrsbüro) melden!

Infobox

Klettersteig ist ein mit Eisenklammern und Stahlseilen gesicherter Weg im Fels. Klettersteige sind in ein Bewertungssystem mit sechs Schwierigkeitsklassen von K1 (leicht) bis K6 (sehr schwierig) eingeteilt. Steige der Schwierigkeit K1 sind in der Regel ohne Ausrüstung begehbar.
Ab Schwierigkeit K2 braucht es neben dem üblichen Material für Bergtouren ein Klettersteigset. Handschuhe verhindern Verletzungen, die durch Eisenspriessen am Drahtseil entstehen können. Mit einer zusätzlichen Schlinge kann man sich unterwegs sichern, um eine Pause machen zu können.

Man nennt sie vertikale Wanderer: Weder am Boden, noch am Felsen oder in der Luft, hängt der Klettersteiggeher an zwei dünnen, in die Felswand eingelassenen Eisenstangen und kämpft sich Schritt für Schritt nach oben. Diese Art von Freizeitvergnügen wird immer beliebter. Während es Anfang der Neunzigerjahre in der Schweiz nur eine handvoll historischer Klettersteige gab, schmücken mittlerweile über 60 voll ausgebaute Steige die Schweizer Alpenwände. Bergsportfachgeschäfte bieten neben Wander-, Trekking- und Bergschuhen eigene Klettersteigschuhe an. Und an den Wochenenden geben sich die Touristen an den einfachen und verkehrstechnisch gut erschlossenen Steigen die Eisenstange in die Hand.

Erstmals erwähnt 1739

Der Boom ist neu, Klettersteige aber gehörten vom Anfang an zum Bergsteigen. Der älteste Schweizer Steig Pinut, oberhalb des bündnerischen Fidaz gelegen, wurde bereits 1739 schriftlich erwähnt. Im 19. Jahrhundert begann man dann vor allem in den Ostalpen und im Tirol künstliche Eisenwege zu bauen, etwa an der Zugspitze und dem Grossglockner. Diese frühe Form des Alpentourismus explodierte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Massentourismus. Im Gegensatz zum Freeclimbing, wo gänzlich auf künstliche Steig-Hilfsmittel verzichtet wird, steigt man im Klettersteig an Eisenleitern und Drahtseilen durch die Wand. Schwierige Stellen werden mit Hängebrücken umgangen, Schluchten mit Tyroliennes überwunden, wobei man am Seil eingehängt durch die Luft auf die andere Seite der Schlucht gleitet. Ein Adrenalinkick light für jene, die nicht richtig klettern, aber die Bergwelt trotzdem lieben.

Klettersteiggeher betrachten sich als eine Art fortgeschrittene Wanderer, die sich hier einen zusätzlichen Kick holen. Das Klettersteigset ist viel leichter als eine ganze Kletterausrüstung, man packt es einfach in den Wanderrucksack. Und damit die Möglichkeit, doch noch die Gipfel zu erklimmen, die eigentlich richtiges Klettern erfordern. Klettersteig-Touren vermitteln alpines Gefühl von Höhe, kombiniert mit maximaler Sicherheit, denn anders als beim Freeclimbing muss man dabei keine Stürze in Kauf nehmen.

Risikosport

In den italienischen Dolomiten entstanden in den 1960er-Jahren rund um Cortina d‘Ampezzo zwei Dutzend Klettersteige. In den 1970er- und 80er-Jahren kam es vor allem in Tirol zu einem regelrechten Baufieber. Die Schweiz bekam ihre erste Via ferrata erst 1993 mit dem «Tälli-Klettersteig», rüstete von da an aber kräftig nach – schliesslich gilt es, im Kampf um den Alpintourismus mithalten zu können. Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen, deshalb legte die «Charta von Engelberg» im Juni 2007 fest, höchstens 100 Klettersteige in touristisch bereits erschlossenen Gebieten der Schweiz zuzulassen. Trotzdem befürchten kritische Stimmen, dass die Alpen durch die Klettersteige endgültig zum Freizeitpark verkommen. Tatsächlich werden besonders die einfachen Steige an den Wochenenden geradezu überrannt. Der Massentourismus führt auch dazu, dass immer mehr auch schlecht ausgerüstete Kletterer sich dort auf den Zehen herumstehen – und teilweise die Risiken unterschätzen. Denn trotz den relativ geringen bergsteigerischen Anforderungen, gilt es elementare Sicherheitsregeln zu beachten – mit den Bergen ist auch auf dem Klettersteig nicht zu Spassen. Immer wieder muss die Rega Klettersteiggeher aus misslichen Lagen befreien. Vergangenes Jahr unterschätzte eine junge Frau am Klettersteig Eggishorn die Tyrolienne, also den Übergang am Drahtseil, und kam dabei zu Tode. Klettersteig-Gehen gilt deshalb heute in versicherungstechnischen Fragen als Risikosport. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.07.2010, 13:37 Uhr

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