Alles stimmt – sogar die Dreckspritzer an den Loks

Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 04.03.2009

Marc Antiglios Leidenschaft für schnelle Autos, grosse und kleine Bahnen ist grenzenlos. Fahren Sie exklusiv mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit seiner Modellbahn Chemins de Fer du Kaeserberg.

Links

Les Chemins de Fer du Kaeserberg

Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen

Käserberg 2

Marc Antiglio hatte an einen sonnigen Herbsttag im Mittelland und in Graubünden gedacht und sich gefragt: Was spielt sich an einem Freitag, morgens um 11 Uhr, in der Deutschschweiz auf Bahnhöfen, in den angrenzenden Dörfern und Städten und entlang von Bahnlinien ab? Erinnerungen an Geschäftsreisen und Ferienaufenthalte jenseits der Sprachgrenze genügten dem Westschweizer Bauunternehmer nicht, um Kulisse und Szenerie für eine Modelleisenbahn der Superlative zu entwerfen.Tagesanzeiger.ch/Newsnet

Daher schoss er Anfang der 90er-Jahre mit seiner Kamera 10'000 Bilder von Einzelheiten, die ihm in der Welt der SBB und der Rhätischen Bahn auffielen - Details von Lokomotiven, Zügen, Gebäuden, Streckenabschnitten und Menschen in Bahnhofsnähe. «In der Schweiz wird an einem Freitag um 11 Uhr geheiratet. Auf dem Markt hat es viele Leute. Bergbahnen befördern dagegen nur wenige Ausflügler», stellte Antiglio zum Beispiel fest. Folglich musste er auf den 610 Quadratmetern, welche die Modelleisenbahn bedeckt, ein Plätzchen für eine Hochzeitsgesellschaft finden und eines für einen belebten Markt. Das Rollmaterial der 120 Miniaturzüge sowie die Automodelle auf den Strassen sind bis in die Details die Momentaufnahme einer Fantasielandschaft aus dem Bahnland Schweiz in den 90er-Jahren.

«Etwas Richtiges bauen»

Der Freiburger führte ein Bauunternehmen in der dritten Generation. Als er um die 50 war, befriedigte ihn die Art Modelleisenbahnen nicht mehr, die er früher in der Kinderstube und später im Estrich seines Eigenheims erstellt hatte. «Ich wollte etwas Richtiges bauen und meine Freude an Modelleisenbahnen mit anderen teilen», erinnert sich der heute 69-Jährige. Die Modellbahn und das Gebäude, das sie beherbergt, entwarf der gelernte Bauingenieur selbst. Für die Planung der Besucherhalle und des Ausstellungskonzepts zog er den bekannten Gestalter Roger Pfund und einen Architekten bei. Der Bau der Modellbahn dauerte 17 Jahre. Nächsten Samstag öffnen die Chemins de Ferdu Kaeserberg im Freiburger Vorort Granges-Paccot ihre Tore.

«Ich versuche, die Wirklichkeit so getreu wie nur möglich abzubilden. Das ist im Massstab 1:87 gar nicht einfach», sagt Antiglio. So fertigten seine Mitarbeiter die sechs Bahnhöfe und weitere 220 Gebäude der Anlage einzeln an: «Schweizer Baustil» haben Hersteller grosser Serien nicht im Angebot. Auch die Miniaturzüge zirkulieren auf dem zwei Kilometer langen Schienennetz der Modellbahn nicht so, wie sie - auf Hochglanz poliert - ab Werk geliefert wurden. Bei den Chemins de Fer du Kaeserberg verkehren Lokomotiven mit Dreckspuren und versprayte Güterwagen. Wie in der Bahnwirklichkeit, aber im Massstab 1 : 87, der international weitverbreitetsten Modellbahn-Norm. Wie viel Geld Antiglio in dieses Unternehmen gesteckt hat, verrät er nicht. Er sagt bloss: «Wer ein passionierter Bahnfan ist, unterlässt das Rechnen.»

Technischer Aufwand riesig

Bei der Technik und Informatik war dem Präsidenten der Kaeserberg-Bahnen nur das Beste gut genug: Fünf Rechner steuern die Modelleisenbahn, die sich über drei Stockwerke ausdehnt. Die Antriebsenergie liefern Sonnenkollektoren auf dem Dach des Gebäudes. Interessierte müssen sich per Internet anmelden - 30 000 Besucher pro Jahr erwartet die Trägerstiftung, in der auch Antiglios Ehefrau und die beiden erwachsenen Töchter aktiv sind. Zugstoilette im Direktionsbüro Der Freiburger taufte die Modellbahn Kaeserberg im Gedenken an einen engen Freund, den ein Krebsleiden dahinraffte. Willy Kaeser war Beifahrer und Navigator, als Unternehmersohn Antiglio noch Autorallye fuhr. 1970 beendete Marc Antiglio seine Karriere als Autorennfahrer mit dem Gewinn des Schweizer-Meister-Titels in der Kategorie Gran Turismo. Als er vom Vater die Leitung des Unternehmens übernahm, blieb nur Zeit für seine Bahnleidenschaft übrig. Die geht allerdings so weit, dass der Chef der Kaeserberg-Bahnen die Originaltoilette eines SBB-Wagens neben seinem Büro einbauen liess. Das Klappfenster ist geöffnet. Aus Lautsprechern tönt es, als ob man am stillen Örtchen im Bahnland Schweiz unterwegs wäre. Nur stinken tuts nicht wie im WC der echten Züge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2009, 14:48 Uhr

Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz