Alte Hänseleien mit neuen Medien

Frankreichs Regierung lanciert eine Kampagne gegen das Cybermobbing an den Schulen – ein wachsendes Phänomen.

«Das Web hat eine enthemmende Wirkung»: Französische Schülerinnen in einem öffentlichen Computerraum.

«Das Web hat eine enthemmende Wirkung»: Französische Schülerinnen in einem öffentlichen Computerraum. Bild: AFP

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Es sind drei kurze Szenen – drei Sequenzen aus dem Schulalltag, erzählt in zweiminütigen Videos mit jungen Schauspielern. Aus allen spricht Beklemmung. Frankreichs Erziehungsministerium wagt sich mit den Filmen an ein komplexes, noch wenig erforschtes, aber offenbar rasend wachsendes Phänomen: die Diskriminierungen und Schikanen unter Schülern im Netz, auch als Cybermobbing bekannt.

Die Bösartigkeiten sind dieselben wie früher. In einem der Videos, die das Ministerium auf Youtube und in noch kürzeren Fassungen auf den Sendern von France Télévision schaltet, sieht man, wie ein Junge wegen seiner Fettleibigkeit gehänselt wird. Im zweiten erlebt man einen scheuen Jungen, der geohrfeigt und gedemütigt wird. Im dritten wird das neue Mädchen der Schule das Opfer eines Gerüchts, wonach sie sich jedem Jungen freizügig hingebe. Neu also sind nicht die Sticheleien an sich, die gab es immer schon. Neu aber ist die Macht der Kommunikationsmittel, die den Schülern beim Verbreiten kleiner und grosser Niederträchtigkeiten zur Verfügung stehen. So sieht man zum Beispiel im ersten Video, wie eine Gruppe von Mädchen den beleibten Jungen mit einem Smartphone beim Sport fotografiert und das Foto mit dem freien Bauch nur Sekunden später ins Netz stellt – auf Facebook.

Enthemmende Wirkung

Die sozialen Netzwerke sollen nicht verteufelt werden, sagt die Regierung. Wichtig sei aber ein verantwortungsvoller Umgang. Die Erziehungswissenschaftlerin Catherine Blaya, eine Expertin auf dem Gebiet des Cybermobbings, räumt ein, dass die Forschung noch am Anfang stehe. So viel lasse sich aber schon sagen: «Das Web hat eine enthemmende Wirkung, und der Verbreitungseffekt ist viel bedeutender, wenn man mit einem Klick eine ganze Gemeinschaft erreichen kann – rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.»

Die Liste möglicher Beleidigungen und von deren Darstellungsformen ist im Netz fast unendlich lang: Da lässt sich das Profil eines Mitschülers mit verleumdenden Kommentaren und kompromittierenden Fotomontagen zumüllen – einfach so, mit einigen Klicks, für alle sofort zugänglich. Facebook weist darauf hin, dass es auf seiner Plattform die Möglichkeit gebe, Missbräuche zu signalisieren. Doch reicht das aus für den Schutz schikanierter, fragiler Kinder?

Zivilcourage fördern

Bei ihren Studien fand das Erziehungsministerium heraus, dass vor allem Kinder zwischen 12 und 14 Jahren ihre Mitschüler im Netz mobben. Und das oft recht gedankenlos. Am Ende der Filme, die zur Sensibilisierung der Kinder und der Eltern beitragen soll, sagt eine Stimme: «Jedes zehnte Kind ist Opfer von Belästigung an der Schule. Das Mobbing kann schwere Folgen haben: Vertrauensverlust, psychische Verwirrung, Depression, Selbstmordgedanken. Lasst uns handeln, bevor sie Wunden fürs Leben davontragen.»

Die Videos ermuntern die Kinder auch dazu, Mut zu haben und die Missbräuche zu melden. In allen drei Szenen tritt ein Junge auf, der dem Mobbing zuerst eine Weile zuschaut und sich dann wehrt, aufsteht, Zivilcourage zeigt. Physisch. Nur: Wenn das im wahren Leben schon schwierig ist, wie schwer ist es dann wohl in der virtuellen Welt, dieser Welt der schnellen, oftmals unüberlegten Klicks? Lässt sich das Netz überhaupt sinnvoll kontrollieren? Oder hängt nicht doch alles an einer guten Kinderstube? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2012, 21:31 Uhr

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