Ansichten eines Erziehungspapsts

Zum Schulbeginn redet der frühere Kinderarzt Remo Largo Eltern, Lehrern und Politikern ins Gewissen. Es sei unhaltbar, wie viele Kinder über Mittag und nach der Schule allein zu Hause seien.

Fordert Väter zum Umdenken auf: Remo Largo.

Fordert Väter zum Umdenken auf: Remo Largo. Bild: Peter Ruggle

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Viele Eltern klagen, dass sie sich jedes Jahr auf einen neuen Stundenplan der Kinder einstellen müssen. Ist das wirklich so schwierig, oder machen die Eltern etwas falsch?
Remo Largo: Das Problem ist, dass die Schule nach wie vor nicht familienfreundlich ist. Noch immer herrscht die Vorstellung, dass sich die Eltern beziehungsweise die Mütter ihren Stundenplänen anpassen. Doch das können sie nicht mehr, weil heute auch die Frauen arbeiten. 80 Prozent der Mütter von Schulkindern in der Schweiz sind berufstätig, die meisten arbeiten mehr als 50 Prozent. Sie trifft die ganze Last. Denn 90 Prozent der Väter sind voll berufstätig und in der Familie kaum verfügbar.

Was hindert die Väter daran, sich mehr zu engagieren?
Ein Grossteil der Männer beziehen ihren Selbstwert immer noch aus der Arbeit. Deshalb stecken sie ihre ganze Energie in die Karriere. Natürlich gibt es auch Väter, denen die Familie genauso oder noch wichtiger ist. Aber sie sind eine kleine Minderheit.

Wie war denn das früher bei Ihnen? Sie arbeiteten ja vor Ihrer Pensionierung vor sechs Jahren in leitender Funktion am Kinderspital Zürich.
Ich hatte das Glück, dass ich mir die Arbeit am Spital während dreissig Jahren selber einteilen konnte. Sehr früh schon musste ich auch keine Nacht- und Wochenendeinsätze mehr leisten. Aber letztlich müssten sie meine drei erwachsenen Töchter fragen.

Dann war es aber nie ein Thema, dass Sie zu wenig Zeit gehabt hätten?
Nein, ich habe nie einen solchen Vorwurf gehört.

Sie nahmen doch sicher ab und zu an einer internationalen Konferenz teil und waren dann tagelang weg?
Natürlich, das gab es auch. Aber insgesamt wäre meine Belastung als Kinderarzt mit eigener Praxis viel grösser gewesen.

Sie sagen also, die Männer müssten mehr so arbeiten, wie Sie das taten.
Ja, die Männer müssen umdenken und ihre Selbstbestätigung nicht nur im Beruf suchen. Das heisst, auch die Wirtschaft muss umstellen: Heute wird ein Vater, der am Arbeitsplatz sagt, er gehe früher heim aus Rücksicht auf die Familie, diskriminiert. Er wird keine Karriere machen.

Auch Mütter, die Teilzeit arbeiten, machen selten Karriere.
Die Frauen müssen insistieren, damit die Wirtschaft umdenkt – und damit auch der Mann. Die Frauen müssen den Männern und der Wirtschaft ihre Bedingungen stellen.

Wem jetzt genau: dem Arbeitgeber oder dem Ehemann?
Ihrem Mann, damit auch er mehr Zeit in die Familie investiert. Einer der häufigsten Gründe für die vielen Scheidungen ist, dass der Vater nie da ist. Die Mütter sagen – überspitzt formuliert: «Es spielt gar keine Rolle, ob ich das Kind nun mit dem Vater aufziehe oder alleine, ich mache so oder so die ganze Erziehungsarbeit.» Dass ein Umdenken möglich wäre, sieht man in den skandinavischen Ländern. Dort haben Familien und Väter einen viel höheren Stellenwert.

Woran liegt das?
Die Wirtschaft in den skandinavischen Ländern boomte nach dem Zweiten Weltkrieg – genau wie bei uns auch. Das Problem war jedoch, dass die Südländer nicht im kalten Norden arbeiten wollten. Es gab also zu wenig Fremdarbeiter. Deshalb verlangte die Wirtschaft von den Frauen: «Jetzt müsst ihr einspringen.» Darauf antworteten die Frauen: «Ja, das machen wir, aber nur unter bestimmten Bedingungen.» Aus diesen Forderungen entstand eine familien- und kinderfreundliche Gesellschaft. Ich bin sicher, in den nächsten fünf Jahren heisst es auch in der Schweiz: «Ihr Frauen müsst jetzt arbeiten, weil wir uns Zuwanderung politisch nicht mehr leisten können.» Die Frauen dürfen diesen Zeitpunkt, um ihre Forderungen zu stellen, auf keinen Fall verpassen, sonst geraten sie und die Kinder noch mehr unter Druck.

Bevor alle Frauen so viel arbeiten können, müssten sich die Rahmenbedingungen stark ändern.
Ja, wir müssen Ganztagesschulen einrichten, wie es sie im Tessin schon lange gibt. Die Kinder brauchen eine Betreuung über Mittag und nach der Schule. In der Stadt Zürich ist die Hälfte der Kinder im Schulalter über Mittag und nach der Schule allein zu Hause. Ein unhaltbarer Zustand.

Ist es denn schlimm, wenn Kinder ein paar Stunden alleine sind? Vielleicht fördert das ja ihre Selbstständigkeit.
Kinder brauchen jemanden, der da ist, falls sie das Bedürfnis nach einer Ansprechperson haben. Und über Mittag essen sie alleine oft sehr ungesund – Chips und eine Cola vor dem Fernseher zum Beispiel. Doch nicht nur Ganztagesschulen sind dringend notwendig, auch Krippenplätze für Vorschulkinder – am besten gratis.

Wer in der Stadt Bern ein Kind in einer Tagesstätte betreuen lassen will, hat Anrecht auf einen Gutschein von der Stadt. Halten Sie das für eine gute Lösung?
Ja. Im Grund finde ich es aber besser, wenn das Betreuungsangebot direkt subventioniert wird. Die Schweiz ist immer noch auf dem Spargang. Sie gibt dreimal weniger für Familie und Kinder aus als die skandinavischen Länder.

Dafür zahlen wir weniger Steuern. Könnten wir uns denn Ganztagesbetreuung und Kindertagesstätten für jeden überhaupt leisten?
Ich habe das mal ausgerechnet. Die Kosten beliefen sich auf eine halbe bis eine Milliarde Franken pro Jahr. Das ist viel. Aber gleichzeitig würde unsere Produktivität steigen, wenn mehr Frauen arbeiten. Wenn wir nichts unternehmen, werden wir immer weniger Kinder haben. Was ist uns als Gesellschaft wichtiger? Das Geld oder die Familien und Kinder?

Offenbar nicht die Kinder.
Wenn Sie die Politiker fragen, dann sagen die, Familie und Kinder seien ihnen das Wichtigste überhaupt. Doch genau diese Männer sind doch nie daheim. Wenn ihnen die Kinder so wahnsinnig wichtig sind, wieso verbringen sie dann nur rund 20 Minuten pro Tag mit ihnen – die Mahlzeiten nicht mitgerechnet?

Wenn man Ihnen zuhört, spürt man eine gewisse Frustration.
Ja, ich würde sogar sagen: Ich bin wütend. Wenn man schaut, mit welchen Problemen wir uns herumschlagen, ärgert mich das. Da stimmen wir etwa über Minarette ab. Dabei muss man die vier, die es in der Schweiz gibt, richtig suchen. Ein Problem ist wohl, dass es uns materiell immer noch gut geht. Deshalb besteht keine Bereitschaft, etwas zu ändern.

Ist Erziehung nicht Privatsache?
Das ist auch so ein Mythos: Die Eltern sind den ganzen Tag da und kümmern sich um das Kind. So war es auch in der Vergangenheit nicht. Alleine ein Kind aufziehen ist eine Überforderung. Ein weiteres Problem: Kinder benötigen andere Kinder, um sich gut entwickeln zu können – mindestens drei Stunden jeden Tag. Auch wenn es hart tönt: Selbst die beste Mutter kann andere Kinder nicht ersetzen. Kleinkinder verbringen eine bis zwei Stunden pro Tag vor dem Fernseher. Er ist zum Babysitter geworden.

Die Generation unserer Eltern hat gemacht, was Sie als Mythos bezeichnen: Die Mutter kümmerte sich den ganzen Tag nur um den Nachwuchs.
Früher gab es viel mehr Kinder – und mehr Bezugspersonen, Schwiegermütter, Verwandte, Nachbarn, die bei der Erziehung mithalfen. Diese Unterstützung fehlt den Eltern heute weitgehend. Dass die Mutter die Kinder alleine aufzieht, ist ein Spezialfall in der Menschheitsgeschichte. Nicht umsonst heisst es: Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

Der Druck lastet aber letzten Endes alleine auf Vater und Mutter: Immer wenn ein Kind auffällig ist, gelten sie als Schuldige.
Nein, die Schule und die Gesellschaft stehen genauso in der Verantwortung.

Gerade jetzt beim Massenmörder von Norwegen fragen doch alle: Was hatte der wohl für Eltern?
Nur in den ersten Lebensjahren ist das Kind vorwiegend bei den Eltern. In den nächsten zehn Jahren verbringt es immer mehr Zeit in der Schule oder bei Freunden. In der Pubertät kommen die Jugendlichen dann fast nur noch heim, um sich umzuziehen und zu verpflegen. Es kann also nicht sein, dass nur die Eltern allein die Verantwortung tragen. Auch die Schule sozialisiert.

Mädchen sind erfolgreicher in der Schule. Was läuft falsch?
Jetzt betreten wir ein weiteres Minenfeld! Ja, die Buben haben das Nachsehen: Heute sind 60 Prozent der Gymnasiasten weiblich. Im Berufsleben sind Frauen oft besser qualifiziert als die Männer, weil in unserer heutigen Dienstleistungsgesellschaft ihre Fähigkeiten mehr zählen. Die Frauen haben sich emanzipiert, den Männern steht es noch bevor. Die Männer haben noch nicht einmal bemerkt, dass sie ihre soziale Vorrangstellung weitgehend verloren haben. Sie versuchen immer noch, die Frauen zu bremsen, indem sie davon schwärmen, wie toll es sei, ausschliesslich Mutter zu sein. Sie müssen sich neu orientieren, vor allem in ihren Beziehungen und ganz besonders in ihrer Rolle als Vater. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 13.08.2011, 13:38 Uhr)

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Largo ist geschieden und Vater von drei Töchtern. Von 1975 bis 2005 leitete er die Abteilung Wachstum und Entwicklung an der Uniklinik Zürich. Dort führte er die bedeutendste Langzeitstudie über die kindliche Entwicklung im deutschsprachigen Raum durch. Im September erscheint von ihm und Monika Czernin das Buch «Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten».

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