«Autoritätssüchtig und anbiedernd»
Von Simone Meier. Aktualisiert am 26.10.2009 1 Kommentar
Das Fazit dieser ersten Herbstwochen scheint aus der Kulturwarte einigermassen trüb: Intellektuelle werden mal wieder geprügelt und bewertet, und laut einem Online-Ranking soll ausgerechnet Roger Köppel der wichtigste Schweizer Intellektuelle sein. In was für einem Land leben wir eigentlich?
Das Missverständnis der Funktion des Intellektuellen in diesem unserem Land besteht darin, die Position des «Intellektuellen» als eine Art staatspolitisches Amt zu betrachten. Intellektualität wird vom Status her gedacht, nicht vom Argument. Und so ergibt sich die paradoxe Situation, dass die föderalen, direktdemokratischen Strukturen der Schweiz oftmals antiautoritärer sind als die Visionen der Intellektuellen, deren kritische Diskussionsbeiträge sich häufig auf eine Denkfigur kaprizieren, die einem Fremdenverkehrsverein besser ansteht als jemandem, der das Denken zu seiner Profession gemacht hat: «Was wird das Ausland von uns denken . . .» oder «Wie soll ich das bloss meinen Berliner Freunden erklären?».
Ein Land also voller total verzagter Denker und Kulturschaffender ohne Selbstbewusstsein?
Das ginge ja noch. Aber selbst die wütende Kritik an den staatlichen Autoritäten bekommt auf diese Weise etwas furchtbar Staatstragendes. Immer geht es mindestens um «die Schweiz». Man fantasiert – mit scheelem neidischem Blick nach Paris oder Berlin – von einer «Kultur» der Debatte und übersieht dabei, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der bewunderten französischen und deutschen Diskurse eher die Karikatur eines intellektuellen Diskurses, eher Debattensimulation als Debatte darstellt. Siehe die Aufregung um die krakeelerischen Äusserungen von Thilo Sarrazin. Man missversteht Intellektualität als möglichst pointierte Meinungsäusserung. Vielleicht noch kurz etwas zum unfreiwillig komischen Begriff des «Kulturschaffenden». «Na, was schaffen Sie denn so . . .?» Wie man allen Ernstes von sich selber behaupten kann, man «schaffe Kultur», ist mir schleierhaft.
So überspitzt klingt es natürlich wahnsinnig naiv.
Und bar jeglicher Selbstironie. Zur Intellektualität gehört in meinen Augen auch immer eine Portion Spott über Autoritätsanmassung. Stattdessen finden sich bei vielen Kulturschaffenden eher kindliche Grössenfantasien vom Zuschnitt «Wenn ich mal einen Tag Kulturminister wäre». Den autoritätssüchtigen Zug und anbiedernden Charakter dieses Denkens offenbarte in geradezu schon rührender Weise das Protestplakat eines Filmstudenten und somit angehenden Filmkulturschaffenden gegen die Verhaftung Polanskis: «I want my master class».
Der Slogan des Werbers, der das Minarett-Plakat für die SVP geschaffen hat, lautet «Keep it simple and stupid». Fast scheint das ja auch für den von Ihnen skizzierten Schreck-Intellektuellen zu gelten, wenn auch wahrscheinlich unfreiwillig. Wie sieht denn Ihr Ideal-Intellektueller aus? Ist es ein autoritätsfeindlicher Anarcho-Zyniker?
Wahrhaftig lieber jemand dieses Typs als einer, dessen intellektuelle Leistung darin besteht, sich bei jeder passenden Gelegenheit voller Sündenstolz und reflexhaft wie ein pawlowscher Hund zu schämen, ein Schweizer zu sein, und darüber zu jammern, was das Ausland nun wieder von uns denken mag. Letzteres erinnert mich doch allzu sehr an die Zurechtweisungen, die man in den Sechzigerjahren über sich ergehen lassen musste, wenn man nicht spurte: «Was werden auch wieder die Leute denken!» Es ist nun nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet die SVP den antiautoritären Gestus der 68er aufnimmt und in den Dienst ihrer rechtsnationalen Propaganda stellt. Und statt dass jeder noch halbwegs liberal denkende Politiker und Intellektuelle die Anti-Minarett-Initiative schlicht als das zurückweist, was sie ist – eine fixe Idee, in die Form einer populistischen Initiative gegossen –, diskutiert nun «die ganze Schweiz», ob man die Plakate der SVP aufhängen darf oder nicht. Und die SVP lacht sich ins Fäustchen, weil es ihr einmal mehr gelungen ist, eine bescheuerte Forderung in eine hehre Grundsatzdebatte über Meinungsfreiheit umgemünzt zu haben: Nicht mehr die absurde Initiative, sondern das Plakat ist nun das Problem. Wie nun schon zum x-ten Male. Es gibt eine verhängnisvolle Tendenz, Aufklärung mit der Bekehrung zu fortschrittlichen Ansichten gleichzusetzen, statt sie als Methode zu verstehen, sich, wie Kant sagt, des eigenen Verstandes ohne Anleitung zu bedienen – das heisst, sein Denken an vernünftigen Argumenten zu orientieren.
Die SVP profitiert, während die SP verliert. Was doch gerade angesichts der Wirtschaftskrise umgekehrt sein müsste. Hat die Schweizer Linke ihren ganzen Speuz verloren? Zusammen mit der deutschen Linken? Oder gibt es da einen Unterschied? Sie als Deutscher haben da doch bestimmt Ihre Beobachtungen gemacht...
Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Ihnen meine Beobachtungen in meiner Funktion als Schweizerbürger – zusammengeschrieben versteht sich! – mitteile? Meine deutsche Staatsbürgerschaft habe ich nämlich vor 15 Jahren mit meiner Einbürgerung verloren. Also: Ich glaube, es hat nie gestimmt, dass Wirtschaftskrisen eine günstige Ausgangsbasis für Sozialdemokraten sind. Auch diesmal nicht, weil die Wählerschaft mehrheitlich nicht einsehen wollte, wozu man die SPD wählen soll, wenn man deren Politiker mit einem Wahlerfolg ja doch nur in die Verlegenheit bringen würde, die meisten vor der Wahl gegebenen Versprechen brechen zu müssen. Bei uns verliert die SP (wie in Deutschland), weil auch hier die Grünen (und Grünliberalen) in den sozialdemokratischen Schrebergarten eingedrungen sind. Aber sie verliert viel milder, weil es bei uns keine SED-Nachfolgeorganisation wie Die Linke gibt, welche die Ressentiments der Zukurzgekommenen bündelt. Dafür musste unsere SP allerdings einen Teil ihrer Traditionsklientel – vom Typus des Gölä-Büezers – an die SVP abtreten. Die SVP hat damit das geschafft, was der SED niemals gelungen ist: eine echte Arbeiter- und Bauernpartei zu werden. Und gleichzeitig Regierungspartei und immerwährende ausserparlamentarische Opposition zu sein.
Und «Die grössten Schweizer Hits» liefert den passenden Soundtrack dazu. Um noch einmal auf die erste Frage zurückzukommen: In was für einem Land leben wir hier eigentlich?
In einem Land, in dem die Arbeitslosenquote weniger als die Hälfte der Deutschlands beträgt; in einer Republik, in der selbst ein Couchepin nicht auf die Idee gekommen wäre, seinen 23-jährigen Sohn, der im dritten Semester Jus studiert, zum Chef einer Entwicklungsbehörde machen zu wollen; und in einem Land, das nicht schon dreimal Berlusconi zum Ministerpräsidenten gewählt hat. Das alles ist kein Grund zur Selbstzufriedenheit; aber genug Grund, beim ewigen identitätspolitischen Hyperventilieren mal eine kleine Pause einzulegen.
Mit Peter Schneider mailte Simone Meier
Peter Schneider und Yves Noyau (Cartoons): Die Chronik der Krise. Walde & Graf, Zürich 2009. Ca. 26 Fr.
Buchvernissage mit Schneider/Noyau, heute Montag, 19 Uhr, in der Buchhandlung Sphères, Hardturmstrasse 66, Zürich. www.spheres.cc
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.10.2009, 04:00 Uhr

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Alain Pichard
Lieber Peter Schneider, ich habe Ihre Texte schon immer gemocht, auch in jenen Zeiten als ich mit Ihnen (noch) nicht einverstanden war. Das Interview war aber schlicht grossartig, danke! Antworten